Hantigk ohne O

journalliterarische Miniaturen zu aktuellen Geschehnissen, allgemeinen Beobachtungen und allerlei Anderem

Wankende Gedanken?

Geschrieben von hantigkohneo am 14. Juli 2009

Zum Kommentar „Der Westen wankt“ von Dirk Kurbjuweit (Spiegel 19/2009)

Tja, peinlich, aber das passiert eben, wenn man seinen Kommentar – vielleicht, weil man in der fraglichen Woche seinen verdienten Urlaub nehmen möchte – schreibt, bevor die zu kommentierende Veranstaltung überhaupt stattgefunden hat. Manchmal, meistens vielleicht sogar, geht das gut, weil die Dinge ja so vorausberechenbar sind. Diesmal ist es nicht gut gegangen. Und so steht dann im Spiegel gedruckt „die G8 sind tot…. sie schrumpfen zur Plauderrunde“, während der Rest der Welt Respekt zollt und „am Ende der Club der Acht, der lange als Überrest einer längst vergangenen Weltordnung erschien, plötzlich als Runde der Mächtigen mit hoher Entscheidungskraft“ (Spiegel-Online vom 10.7.2009) dasteht.

Aber Schwamm drüber, so was kann vorkommen. Und auch ein Dirk Kurbjuweit braucht mal Urlaub. Dringend sogar, wie es scheint. Denn der Kommentar, der auf den eingangs erwähnten, Missprophezeiten Aufmacher folgt, ist mit dem Attribut „peinlich“ noch wohlwollend umrissen.

Die „Wertegemeinschaft“ der G8 – u.a. mit der vorzeige Reality-TV-Demokratie Italien und der Lupendemokratie Russland im Schlepptau – als versinkende Tafelrunde der wahren Bewahrer des Guten? Edle Wesen allesamt, denen es seit jeher nur um „Freiheit, Demokratie und Menschenrechte“ ging? So heiß war doch der Sommer noch gar nicht!

Und diese Musterdemokratien haben „traditionell“ „die Mission“ – von wem haben sie die eigentlich, sei am Rande gefragt. Also von mir, Demokratischerweise, jedenfalls nicht -  „Demokratie zu verbreiten und damit Freiheit und Menschenrechte“? Vermutlich in etwas so, wie im Irak? In Afghanistan? Oder – etwas davor, damals als alles noch ordentlich und gut war – in Vietnam oder in Korea?

Es bleibt zu hoffen, dass Herr Kurbjuweit seinen Urlaub irgendwo außerhalb dieses Olymp der Werthaftigkeit verbringt, um anschließend mit einem womöglich etwas erweiterten Horizont noch einmal einen kritischen Blick über seine sommerlich überhitzten Zeilen werfen zu können.

Und bis dahin bleibt ihm zu wünschen, dass dort, wo er seine Ferienmission erfüllt, der Spiegel keine allzu große Verbreitung bei den Eingeborenen hat. Nicht dass er am Ende noch einem selbstbewussten Inder oder Chinesen erklären müsste, warum er es für angebracht hält, dass die Repräsentanten von gerade mal 16,3% der Erdbevölkerung sowohl über das Schicksal als auch über die Wertvorstellungen der übrigen 83,7% bestimmen sollen.

Oder gar einem hungrigen Teenager in Ghana oder einer Flutwaisen in Bangladesh, warum „Freiheit, Demokratie und Menschenrechte“ wichtiger seine, als „Klima, Wasser und Ernährung“.

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