Hantigk ohne O

journalliterarische Miniaturen zu aktuellen Geschehnissen, allgemeinen Beobachtungen und allerlei Anderem

Archiv für die Kategorie ‘Politik & Wirtschaft’

Wüstenstrom

Geschrieben von hantigkohneo - 16. Juni 2009

Wenn’s wahr ist, dann wäre das eigentlich die Meldung des Jahres:

Solarthermie-Anlage nahe Las Vegas: 20 Großkonzerne planen den Bau riesiger Solarkraftwerke in Afrika. (Foto: dpa)

Solarthermie-Anlage nahe Las Vegas. (Foto: dpa)

“Ein Firmenkonsortium will in Afrika Sonnenkraftwerke bauen – für 400 Milliarden Euro. Es ist eine der größten privaten Ökostrom-Initiativen aller Zeiten.” (sueddeutsche.de am 15.06.2009)

Ich drück die Daumen!
Und hoffe, dass die Methode, den Strom nach Europa zu “transportieren” dann ebenso innovativ sein wird! Und hoffe, dass die regionale Bevölkerung ihren angemessenen Anteil haben wird, wenn ihr Rohstoff Sonnenenergie exportiert wird.

Viel zu hoffen also. Die Meldung aber mach Hoffnung auf jeden Fall…

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Noch nicht Krise genug!

Geschrieben von hantigkohneo - 3. Juni 2009

Obwohl die Welt angeblich die schwerste Wirtschafts- und Finanzkrise seit 60 Jahren durchlebt, ist noch nicht eine einzige konkrete Maßnahme greifbar, wie eine Wiederholung der vermeintlichen Katastrophe künftig vermieden werden soll.

Mit Schrecken lese ich derzeit hier und da verhalten positive Meldungen. Nicht dass ich ein „Bad-News-Junky“. Aber auch wenn man mich diesbezüglich für pervers halten möge, die Vorstellung, dass die Welt das Tal der Krise bereits durchschritten hätte und sich auf schon auf dem Weg der Besserung befände, erfüllt mich mit Grausen.

„Rücken Sie vor aus ‚Los’ und ziehen Sie 4 Billionen von der Bank ein“

Der Weg der Besserung zum jetzigen Zeitpunkt würde zugleich den Weg zum „Weiter so“ bedeuten, die Spieler hätten neues Spielgeld getankt, es könnte fröhlich in die nächste Runde gehen. Und in das nächste große Loch. Dann vielleicht endgültig ein schwarzes – verdient hätten wir es.

Es erscheint mir aber doch beinahe irreal, dass eine so heftige und gewaltige Krise – General Motors ist ja nun wahrlich nicht gerade irgendeine Klitsche, die da grade mal so den Bach runter gegangen ist. Und das ist nur einer der höchsten Leuchttürme, die derzeit ins Wanken und Stürzen geraten sind – dass das alles, inklusive der Vernichtung Hunderttausender von Arbeitsplätzen und zehntausender privater Existenzen, so gänzlich ohne wirkliche Konsequenzen vorübergehen soll. Aus diesem Grund, habe ich in den letzten Tagen versucht, ein paar Informationen zu recherchieren und zu ergoogeln, was denn derzeit an bleibenden Maßnahmen auf dem Tableau läge. Sowohl auf nationaler Ebene, als auch auf europäischer und weltweiter.

Brief an Christine Scheel

Da ich mich nicht nur auf meinen subjektiven Blick- und Suchwinkel verlassen wollte, habe ich unter anderem auf www.abgeordnetenwatch.de an Christine Scheel als Mitglied des Bundestagsausschusses für Finanzen geschrieben (http://www.abgeordnetenwatch.de/christine_scheel-650-5760–f190967.html#q190967):

Sehr geehrte Frau Scheel,
obwohl ich ein aufmerksamer Beobachter der medialen politischen Berichterstattung bin, war es mir bislang nicht möglich, zu eruieren, welche Maßnahmen denn nun, sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene geplant oder auch bereits beschlossen sind, um Entwicklungen, wie denen, die zu der aktuellen Weltfinanz- und Weltwirtschaftskirse geführt haben, in Zukunft zu verhindern.
Ausser einigen Allgemeinplätzen wie “stärkere Kontrolle”, “mehr internationale Zusammenarbeit” ist mir auch nach zwei G20 Treffen zu diesem Thema, als auch z.B. im Rahmen des laufenden EU-, wie auch des anlaufenden Bundestagswahlkampfes, noch nicht untergekommen.

Haben Sie, bzw. der Finanzausschuss als solches, evtl. einen detaillierten Überblick über die (hoffentlich) anstehenden Anstrengungen?

Vielen Dank, mit besten Grüßen,
Daniel Hantigk

Ich möchte an diese Stelle zum einen anmerken, dass ich die Plattform www.abgeordnetenwatch.de für eine großartige Einrichtung halte, und zum anderen, dass ich in der Tat positiv überrascht war, als in nicht einmal 24 Stunden auf diese Anfrage eine freundliche, individuelle und in gewissem Sinne durchaus informative Antwort sogar mit PDF Attachements erhalten hatte. Ein ausdrückliches Dankeschön nebst Lob an das Büro von Frau Scheel und an die Bundestagsfraktion der Grünen!

Leider hat diese Antwort aus dem Bundestag genau das bestätigt, was ich befürchtet hatte und was auch meine sonstigen Recherchen ergeben haben.

Hier die Replik von Frau Scheel im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Hantigk,
vielen Dank für Ihre Frage zur Finanzmarktkrise. Einen allgemeinen Überblick über alle beschlossenen und eingeleiteten Maßnahmen gibt es nicht. Auf der Internetseite www.bundesfinanzministerium.de finden sie einen Überblick über die Maßnahmen aus bundesrepublikanischer Sicht. Auf der Seite der grünen Bundestagsfraktion www.gruene-fraktion.de, Stichwort Finanzen, finden Sie unsere aktuelle Kommentierung z.B. zu den Beschlüssen des G 20 Gipfels oder zu dem vorgelegten Bad-Bank-Modell der Bundesregierung. (vgl. Anlagen) In der Zwischenzeit hat auch die EU-Kommission ihre Vorschläge zu einer europäischen Finanzmarktaufsicht veröffentlich. Der Beratungsprozess dazu hat erst begonnen (vgl. Anlage).
Mit freundlichen Grüßen
Christine Scheel

Auch der Klick auf die Seiten des Bundesfinanzministeriums und auf die der Grünenfraktion, sowie die Durchsicht der erwähnten und attachten Anlagen brachten das gleiche Ergebnis:

Weder die deutsche Bundesregierung oder das Parlament, noch die G20, noch die EU haben bislang auch nur eine einzige konkrete Maßnahme formuliert, geschweige denn deren Umsetzung auf den Weg gebracht.

Nichts, was über die Schlagworte „mehr Aufsicht“ und „mehr Kontrolle“ hinaus ginge. Wobei sich auch bei diesen „Maßnahmen“ die Frage stellt, was denn da hinkünftig schärfer kontrolliert werden soll. Bevor ich eine Herde Schiedsrichter auf ein Spielfeld schicke, muss ich doch zunächst einmal Regeln formulieren, die es zu überwachen gilt. Das Ganze erscheint ein wenig so, als würde ich einem chronisch Kranken häufigere Arztbesuche anstelle einer Therapie verschreiben.

Hoffnung auf die „BBB“

Meine ganze Hoffnung ruht nun auf den „BBB“! Den „Brot & Butter Briefen“ des Bundesfinanzministeriums. Diese durchaus anerkennenswerte Informationseinrichtung erscheint in der Kalenderwoche 24 mit einer neuen Ausgabe, welche wie folgt angekündigt ist:

Aktueller „Brot und Butter-Brief“: Daten, Fakten und Hintergründe zur Krise
Die gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzkrise überschattet nicht nur das 60-jährige Bestehen der Bundesrepublik Deutschland – davon fast 20 Jahre als wiedervereinigtes Land. Sie hat auch den Aufschwung unserer Wirtschaft und die deutliche Erholung auf dem Arbeitsmarkt [Glossar] ebenso jäh beendet wie die zügige Rückführung der staatlichen Neuverschuldung in Richtung Null. Diese Krise fordert uns heraus, als Krisenmanager ebenso wie als Gestalter einer neuen, gerechteren Wirtschafts- und Finanzordnung.

Was in dieser historischen Krise vermieden werden muss und was stattdessen getan werden sollten, erfahren Sie in der neuen Ausgabe des Brot und Butter-Briefes des Bundesfinanzministeriums – angereichert mit zahlreichen aktuellen Daten und Fakten.

(http://www.bundesfinanzministerium.de/nn_54/DE/BMF__Startseite/Aktuelles/Info__Kampagnen/BROTUNDBUTTERBRIEF/Promoteaser__BBB.html?__nnn=true)

Die KW 24, das ist schon nächste Woche! Warten wir also ab und hoffen. Hoffen, dass wir uns bei den nächsten vorsichtigen Anzeichen einer Erholung der Konjunktur, der Wirtschaft, des Arbeitsmarktes, vielleicht doch wieder freuen dürfen.

Erfreulich wäre das.

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Farbe bekennen – mit den “Abendland” T-Shirts

Geschrieben von hantigkohneo - 28. Mai 2009

Ein “Schnellschuss” aus aktuellem Anlass: wir haben ein paar T-Shirts produziert!

Jetzt zum Selbstkostenpreis bestellen und Stellung beziehen. Gegen Ausgrenzung, für kulturellen Austausch
und interkulturelle Kommunikation auf Augenhöhe!

T-Shirt-Abendland-700

Wir machen’s ganz unkompliziert:

  • Einfach ein E-Mail an daniel.hantigk@gmail.com, Stichwort Abendland-T-Shirt
  • Farbe angeben. Es gibt: rot, blau, kaki, gelb (von links oben nach rechts unten)
  • Größe angeben. Es gibt: XL, L, M, S
  • Versandadresse angeben. Nur EU!
  • Bitte um Angabe, ob per Vorkasse – dann senden wir im Antwortmail die Kontoverbindung mit, oder per Nachnahme (7,- Gebühr!)

Selbstkostenpreis: 13,- plus Versand

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Abendland in Christenhand? Passt eh…

Geschrieben von hantigkohneo - 25. Mai 2009

Jesus Christus von Nazareth war Araber jüdischen Glaubens!

Jesus sagt: passt eh

„Abendland in Christenhand“, so dumm muss man erst einmal sein, sich so einen Slogan auszudenken. Jedenfalls dann, wenn man sich als ausländerfeindliche und migrationskritisch positionieren will und als Verteidiger von etwas, das man für bewahrenswerte, nationale Kultur und Identität hält.

„Abendland in Christenhand“, dieser Satz beinhaltet von alledem genau das Gegenteil!

Ja, er beweist sogar, dass anti-migrations und anti-multikulturelle Bestrebungen von je her unnotwendig, nicht sinnvoll und vor allem letztendlich niemals erfolgreich waren, sind oder sein werden.

Es genügt ja an sich schon, sich den Namen desjenigen, auf den sich die Erfinder des zitierten Slogans berufen wollen, einmal genauer vor Augen zu führen:

Jesus Christus von Nazareth

Nun mögen ein Heinz-Christian Strache oder gar ein Peter Westenthaler vermutlich keine ausgesprochenen Cracks in Geographie sein, wir unterstellen aber mal, dass selbst diese Personen wissen, dass Nazareth nicht am Neusiedlersee liegt und auch nicht in der Nähe von Rom oder überhaupt irgendwo im so genannten Abendland.

Die Stadt Nazareth liegt ziemlich in der Mitte von Israel und wird zum großen Teil von israelischen Arabern bewohnt, eine echte Stadt des Morgenlands also!

Jesus oder Arafat

Jesu von Nazareth? Nein, das Bild zeigt den jungen Arafat

Christus selbst hat – Hollywood zum Trotz – mit einiger Sicherheit nicht ausgesehen, wie ein Zwillingsbruder von Mel Gibson. Weitaus wahrscheinlicher glich er eher dem jungen, charismatischen Jassir Arafat oder vielleicht auch König Abdullah II. von Jordanien.

Und – ohne die Diskussion darüber, ob Jesus nun eine neue Religion gründen oder nicht eigentlich das Judentum erneuern wollte, auszubreiten – unbestritten ist, dass er als Jude geboren wurde und auch als solcher gestorben ist.

Der langen Rede kurzer Sinn: die Religion, die Strache & Co glauben mit dem Kreuz in der Hand für das Abendland verteidigen zu müssen, wurde eben genau dort nicht sondern im Morgenland begründet und ihr Initiator und Namensgeber war ethnisch betrachtet ein Araber – genauer gesagt ein Semit – und religiös gesehen jüdischen Glaubens.

Wie kommt’s also, dass sich nun das Abendland kulturell mittels dieser arabisch-jüdischen Religion definiert?

Die Antwort ist klar: durch Migration – in diesem Fall durch deren aggressivster Variante in Form von Eroberung, Unterdrückung und Missionierung – sowie durch kulturelle und religiöse Synthese.

Denn, und auch das wissen wir allseits, das Weihnachtsfest am 24. Dezember, Ostern, Pfingsten, alles keine historischen Termine im Jahr. Im Neuen Testament steht nichts von Tannenbäumen und Weihnachtsmännern, kein Wort über Haasen, Nester oder Eier. All das sind Adaptionen der dereinst vorherrschenden Religionen und Bräuche aus der Zeit des nordwärts expandierenden Christentums.

Hätte es in jenen Tagen – sagen wir zwischen 500 und 1000 n.Chr. – Menschen wir Heinz-Christian Strache gegeben – oh, es hat sie gegeben, daran besteht kein Zweifel – aber hätte es solche gegeben, die mit ihrer Angst vor Veränderung Erflog gehabt hätten, so müsste die FPÖ Parole noch immer lauten: „Abendland in Keltenhand“

Natürlich, man mag bedauern, dass die Kultur und die Religion der Kelten oder auch der Gallier, der Sachsen oder der Pikten verschwunden sind. Die Nachfahren derer, die damals von dieser neuen Religion jüdisch-arabischen Ursprungs christianisiert wurden – durchaus nicht immer ohne Anwendung von Gewalt, sei bemerkt – diese Ur-Ur-Ur-Enkel jener, die dereinst vielleicht Papyrusplakate bemalten, mit Sprüchen wie „Vindobona darf nicht Ephesus werden“, sie scheinen so unglücklich gar nicht zu sein, mit ihrer neuen Kultur und Religion, wenn sie dieses nun doch gar so vehement verteidigen wollen.

Ganz offensichtlich schein das, was durch die Bewegungen von Völkern, also durch Migration und durch den Austausch zwischen Kulturen entsteht, gar nicht so furchtbar zu sein. Im Wahrsten Sinne des Wortes.

Wovor sich also fürchten? Vor einer „Heinz-Christianisierung“ hoffentlich nicht!

PS: weil’s irgendwie passt, hier noch zwei Interview-Empfehlungen:
„Goethe fände es funny“ (sueddeutsche.de) http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/966/182400/
“Hört auf mit dem Wahnsinn!” (spiegel-online) http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,626625,00.html

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Ihr seid das Volk!

Geschrieben von hantigkohneo - 3. Mai 2009

Auf der Straße nach Deutschland

„Das Erfolgsmodell Deutschland ist von Politik und Eliten in eine Sackgasse gesteuert worden“, Steinmeier sagte den Satz noch einmal halblaut vor sich hin, während er den Ausdruck des Artikels aus dem „Spiegelfechter“ zur Seite legte, den ihm sein Chauffeur vor Beginn der Fahrt zugesteckt hatte. Sie befanden sich auf dem Rückweg von einem informellen Blitzbesuch in der tschechischen Grenzstadt Brno, wo der deutsche Außenminister seinen Prager Amtskollegen getroffen hatte, um zu erfahren, wie die tschechische EU-Ratspräsidentschaft, angesichts der unlängst abgewählten Regierung, noch halbwegs passabel über die Runden gehen sollte.
Die dunkle Volkswagenlimousine rollte nun vorbei an österreichischen Weinbergen in Richtung Passau, von wo es nur noch ein Katzensprung nach München war, dem nächsten Stopp im voll gepackten Terminkalender des SPD Kanzlerkandidaten.

Steinmeier hatte gerade die Nachrichten im österreichischen Rundfunk gehört. Er liebte es, Nachrichten in Österreich zu hören. Es waren in der Regel dieselben Themen, wie daheim in Deutschland – außer wenn es um Skifahren oder Fußball ging -, meist nur ein wenig komprimierter, kleiner, etwas provinzieller, doch in der Substanz die gleichen Probleme. Aber es waren nicht seine Probleme und das erlaubte ihm eine andere, distanzierter Art des Zuhörens. Österreichische Nachrichten waren entspannend.

Jetzt aber hatte es eine kurze Meldung aus der Innenpolitik der Alpenrepublik geschafft den sonst so ruhigen SPD Mann zu elektrisieren. Und dazu dieser Text aus dem Internet-Blog.

„Es ist Zeit, Deutschland neu zu erfinden und das Ruder herumzuwerfen. Ohne die Hilfe der Straße wird das politische System dazu aber nicht in der Lage sein,“ las er in Gedanken noch einmal die Passage. „Umgekehrt wird ein Schuh draus,“ schoss es ihm durch den Kopf und mit einem Mal wusste er, dass etwas geschehen musste. Und er wusste auch was. Gleichgültig, ob Altkanzler Schmidt nun sein großes Vorbild war, oder nicht, Steinmeier hatte eine Vision. Und er begann sofort, sie in Angriff zu nehmen. Energisch griff er zum Handy und tippte mehrere SMS.

Konspiratives im Kanzleramt

Sie waren tatsächlich alle gekommen, Frank-Walter Steinmeier staunte selbst, als er in die Runde der Kollegen und Kolleginnen blickte, die sich auf seine spontane Textnachricht hin am nächsten frühen Vormittag im Büro der Bundeskanzlerin versammelt hatten. Müntefering hatte er selbst vom Frühstück abgeholt, um ihm auf dem Weg einen kurzen Abriss zu geben und sich seiner Unterstützung zu versichern. Der alte Stratege war von zentraler Wichtigkeit. Steinbrück war gekommen und blickte ausnahmsweise eher neugierig als missmutig. Andrea Nahles schien das Ganze nicht so recht geheuer zu sein, vielleicht lag es aber auch nur daran, dass sie eben noch nicht so oft hier oben im Kanzleramt gewesen war. Jedenfalls rutschte sie etwas unruhig auf der ledernen Couch hin- und her, dabei dürfte dass, was er zu verkünden hatte, ihr wahrscheinlich am besten liegen, schmunzelte Steinmeier innerlich.

Wirklich erstaunlich war, dass auch die anderen alle gekommen waren. Christian Wulf und Roland Koch. Und die beiden waren immerhin nicht nur von nebenan mal kurz herüber getrabt. Seine Idee Horst Seehofer direkt aus München mitzunehmen und dies auch kund zu tun, war offensichtlich nicht die schlechteste gewesen. Dass dann auch zu Guttenberg seine Teilnahme kaum verweigern konnte, war ein angenehmer Nebeneffekt. Wohingegen der Anblick von Guido Westerwelle eingerahmt von Claudia Roth und Christian Ströbele fast etwas Surreales hatte. Steinmeier konnte einen kurzen Schauer nicht unterdrücken.

„Stellt Euch also vor,“ fuhr er fort, als er den ungeduldiger werdenden Blick der Bundeskanzlerin spürte, „stellt Euch vor: Österreich ist eines der zehn reichsten Länder der Welt. Seine Staatsverschuldung ist beinahe lachhaft, die vergangenen Jahre wurde ein Nulldefizit jeweils nur homöopathisch verpasst und deren Banken machen selbst jetzt noch Gewinne, sogar im Ostgeschäft.“

„Willst Du uns neidisch machen, oder zum Auswandern überreden,“ fragte Steinbrück dazwischen. „Weder noch. Warte worauf ich hinaus will. Also. Gleichzeitig dümpelt Österreich seit Jahren bei allen PISA Schultests im hinteren Mittelfeld. Die so genannte Kulturnation ist auf dem besten Wege, bildungspolitisches Entwicklungsland zu werden. Jeder dort weiß das auch. Und was machen sie jetzt, im Rahmen ihres Krisenkonjunkturpaketes? Investieren sie massiv in Bildung, oder wenigstens in die Bildungsinfrastruktur? Kaufen sie für eine Milliarde LapTops für Lehrer und Schüler? Nein! Im Gegenteil, sie sparen genau dort.“

„Machen wir doch auch!“ murmelte die Nahles dazwischen. Steinmeier ignorierte sie. „Das Budget der Bildungsministerin wird gedeckelt und sie bekommt die tolle Aufgabe, eine große Bildungsreform zu veranstalten und darf zusehen, wo sie das Geld dafür herbekommt. In ihrer Not verfällt sie auf die Idee, dass die Lehrer zwei Stunden länger unterrichten sollten und mit dem so eingesparten Geld, wollte sie zumindest das Notwendigste finanzieren.“

„Na das hätte sie mal Lehrern in Deutschland vorschlagen sollen,“ entfuhr es der Kanzlerin. Steinmeier strahlte sie an. „Genau. Musste sie aber gar nicht. Ihre eigenen Lehrer haben einen Sturm der Entrüstung entfacht und dabei sogar die Schüler auf ihre Seite gezogen. Die haben sogar gedroht, die aktuelle Runde der PISA Studie zu boykottieren. Schließlich musste die Ministerin, nachdem sie zwei Wochen lang mit einem Bein schon zurückgetreten war, weitgehend aufgeben und mit ihr auch der Finanzminister. Der Kompromiss, auf den sich Lehrergewerkschaft, Bildungs- und Finanzministerium geeinigt hatten, sah vor, dass der Pröll, das ist deren Finanzminister und Vizekanzler, doch etwas mehr Budget rausrückt, dass die Schulen zwei Jahre lang keine Mieten für die Gebäude zahlen müssen, in denen sie unterrichten und dass dafür die so genannten Schulautonomentage gestrichen werden. Das sind zwei Tage im Jahr, die die Schule für außerplanmäßige Aktionen nutzen könnten. De Fakto sind es zwei zusätzliche Ferientage, auf welche die Lehrer verzichten.“
„Wie die Skitage bei uns in Bayern,“ fügte Seehofer an.

„Genau.“ Setzte Steinmeier fort. „Und jetzt kommt’s: gerade als alles nach einer guten Lösung aussah, traten plötzlich die Schüler- und die Elternverbände auf den Plan und kündigten massiven Protest an. 200.000 Schüler beteiligten sich an kurzfristig anberaumten Demos. Der ganze Kompromiss wurde wieder in frage gestellt.“

„Wegen der zwei Ferientage?“ fragte Westerwelle irritiert.

„Exakt wegen zwei Ferientagen!“ Steinmeier merkte gar nicht, dass er plötzlich fast brüllte. Er war wieder genau so erregt, wie auf der Fahrt im Auto. „Die Welt steckt in der größten Wirtschaftskrise vielleicht aller Zeiten, Millionen verlieren ihre Arbeitsplätze, ihre Existenz, ganze Staaten trudeln in den Bankrott und in Österreich schaffen es Eltern und Schüler, denen sonst alles Wurscht ist, ihr eigenes Bildungssystem weiter Richtung Dorftrottelniveau zu drücken, weil sie nicht auf zwei Ferientage verzichten wollen. Ist das nicht unglaublich?“

Der Kanzlerkandidat war jetzt aufgesprungen und puterrot angelaufen.

„Das wäre doch bei uns ganz genauso,“ warf die Roth mit einem Achselzucken ein. „Eben! Ebendrum!“ krähte Steinmeier. „Und drum muss jetzt endlich was passieren.“

Ohne auf weitere Einwände acht zu geben, zog er den schon etwas mitgenommen Zettel aus der Jackettasche. „Und dann les ich das hier im Internet: ‚Eine träge politische Kaste, die meint, durch Aussitzen und Verharren auf einer nachweislich
fehlerhaften Ideologie jede Krise durchstehen zu können, benötigt vielleicht einen Initialschub, der von den Akteuren kommt, die nicht mit der Kanzlerin an runden Tischen palavern. Die Macht der Straße gefährdet die Demokratie nicht, sie rettet sie vor ihr selbst. Das Erfolgsmodell Deutschland ist von Politik und Eliten in eine Sackgasse gesteuert worden und scheint nun an deren Ende angekommen zu
sein. Es ist Zeit, Deutschland neu zu erfinden und das Ruder herumzuwerfen. Ohne die Hilfe der Straße wird das politische System dazu aber nicht in der Lage sein.’“

Mit einem Mal schien das Büro der Kanzlerin in ein Tollhaus verwandelt. Aufgeregt ließen die Anwesenden gleichzeitig und lautstark ihrer Empörung aber auch ihrem Frust, der sich aus tausendundeiner Geschichte, wie der von Frank-Walter Steinmeier gerade aus Österreich berichteten, angestaut hatte, freien Lauf. Die Szenerie glich einem Silvesterkonzert aus Knallfröschen.

„Und ich sage Euch, der Mann – dieser Spiegelfechter – hat Recht!“ Die dröhnenden Worte Münteferings durchschlugen das Geschnatter wie ein präzise geschossener Fußball die Wohnzimmerscheibe der Nachbarn. Unwillkürlich zuckten die anderen zusammen.

„Jawoll, wir brauchen eine Erneuerung der Demokratie. Das wissen wir doch alle. Diese Republik, und nicht nur sie, wie das Beispiel der österreichischen Kollegen zeigt, ist doch in Wahrheit unregierbar geworden.“

Die Kanzlerin biss sich auf die Lippen, nickte aber dabei.

„Und jawoll, es braucht einen Impuls von der Straße. Es braucht eine Bewegung. Aber… Aber…. und das sieht dieser Spiegeldingsschreiber nicht. Kann er wahrscheinlich nicht sehen, weil er nicht sieht und nicht erlebt, was wir erleben – dass nämlich auf den Straßen in Deutschland niemand ist, der für eine neue Demokratie marschieren würde. Da wird nur für den eigenen Gemüsegarten marschiert. Da bewegt sich gar nichts. Null! Null, null komma Null!!“

Die letzte der Nullen hallte bedeutungsvoll in eine atemlos gespannte Stille.

„Genau,“ Steinmeiers Stimme war jetzt wieder ganz ruhig, beinahe bedrohlich sachlich. „und darum müssen wir das machen.“

IHR SEID DAS VOLK

„Man kann von Franz Müntefering halten, was man will – der Mann hat mehr als genug Ecken und Kanten, dass für jeden etwas dabei ist, um sich daran zu stoßen – aber er ist der geborene Stratege. Und ein verdammt guter noch dazu.“ Angela Merkel blickte über den großen, zu dieser frühen Stunde noch weitgehend leeren Platz. Auf der anderen Seite war der Parteichef ihres Koalitionspartners gerade dabei, die Verteilung der Transparente zu organisieren.

Allein die Idee, den ersten Politikergeneralstreik der Geschichte genau mit dem Ende der Fußball-Bundesliga-Saison zu starten, war ebenso genial wie perfide.

Denn das traf vor allem die Multiplikatoren, die Meinungsbildner, diejenigen, die eigentlich als verbindendes Glied zwischen Politik und Volk kommunizieren sollten, die Riege der Journalisten.

Keine Pressekonferenzen um sie altklug zu kommentieren, keine öffentlichen oder geheimen Sitzungen, aus denen vorschnell mit Verweis auf gut informierte Kreise zu berichten wäre, keine Fraktionstreffen oder Parteitagsbeschlüsse, die man mit Wohlwollen oder Verachtung bedenken könnte, keine Reformpläne, die im Keim erstickt werden könnten, noch bevor deren Planer überhaupt dazu kämen, sie zu Ende zu denken. Und dann auch kein Fußball. Es wurde zusehends schwieriger für die schreibende oder sendende Zunft, die Seiten einer Tageszeitung oder eines Internetportals mit Lesenswertem zu füllen. Zuletzt waren SZ und FAZ dazu übergegangen, nur noch jeden zweiten Tag eine Printausgabe zu veröffentlichen. Ein Etappensieg.

„Aber ein Meisterstück habe auch ich geliefert,“ dachte die Kanzlerin bei sich und schmunzelte. Sie erinnerte sich an den weiteren Verlauf jenes denkwürdigen Treffens in ihrem Kanzlerinnenbüro vor nunmehr knapp 5 Monaten.

Sie waren mitten im Planen gewesen. Wie Pingpongbälle waren die Ideen geflitzt und über Parteigrenzen und persönliche Animositäten hinweg geflogen. Die Stimmung war aufgeheizt und aufgekratzt zugleich. Ein wenig wie eine Jugendgruppe vor dem Aufbruch zur ersten eigenen großen Reise und gleichzeitig war da seit langem einmal wieder ein Gefühl, wirklich etwas bewegen zu können.

Mitten in diese kreative Phase hinein sagte plötzlich Christian Ströbele: „Ein Problem haben wir!“ Und eigenartigerweise wussten sofort alle, was er damit meinte. Oder besser, wen.

„Oskar,“ bestätigte Müntefering mit hochgezogener Augenbraue. „Der geborene Streikbrecher,“ zischte die Roth und blickte so grimmig, als wolle sie Steinbrück damit Konkurrenz machen.

„Den übernehme ich.“ Angela Merkel hätte später nicht mehr genau sagen können, warum sie sich für diesen Job vorgedrängelt hatte und noch weniger, warum die anderen ihr zugetraut hatten, Oskar Lafontaine tatsächlich auf die gemeinsame Linie einschwören zu können. Aber zu verhindern, dass der bundesdeutsche Chefpopulist die Gelegenheit nutzen könnte, um unter dem Vorwand eines vermeintlichen Machtvakuums kurzerhand als Retter selbige zu ergreifen, schien ihr und offensichtlich auch allen damals Anwesenden, eine Aufgabe, die einer Regierungschefin würdig wäre. Dass sie damit tatsächlich erfolgreich war, hatte vor allem sie selbst überrascht.

Und noch mehr, dass es dann eigentlich ganz leicht lief: am Rande einer der vielen, sehr langen und ebenso langweiligen BRD Jubiläumsfeiern hatte sie zu vorgerückter Stunde den Linkenchef scheinbar zufällig an der Bar abgepasst und nach etwas unverfänglichem Smalltalk mit gespielt alkoholverstärkter Tiefsinnigkeit gefragt, ob er glaube, dass die Finanzkrise das Zeug dazu hätte, die Bevölkerung noch einmal zu einer Revolution auf die Straße zu treiben.

Die Tiefe der Verachtung in der Stimme des ehemaligen SPD Kanzlerkandidaten und Superministers und die Vehemenz, mit der er diesen Gedanken verneinte, hatten sie im ersten Augenblick überrascht. Im zweiten Augenblick wusste sie, dass sie bereits gewonnen hatte.

„Die Menschen in diesem Land – und in ganz Europa, soweit ich das beurteilen kann,“ erklärte Lafontaine, „stellen sich gerne 20 Stunden in einen Stau am Brenner, um an ein überlaufenes Urlaubsziel zu kommen. Sie gehen auch zu einer Demo, wenn es gegen ein Windrad vor dem eigenen Schrebergarten geht. Und sie zünden vielleicht sogar ein paar Mercedes Limousinen an und werfen bei einigen Nobelboutiquen die Schaufenster ein, wenn sie Angst um ihren Arbeitsplatz haben. Aber versprechen Sie ihnen ein neues Auto und einen Zuschlag auf’s Weihnachtsgeld und jede revolutionäre Gesinnung erstickt im Keime! Und wissen Sie, von wem ich das gelernt habe?“ Er blickte seine Gesprächspartnerin durchdringend an. „Ich kann es mir denken,“ entgegnete Merkel.

Nun stand Oskar Lafontaine also neben ihr auf dem dämmrigen Platz vor der Nikolaikirche in Leipzig. Stolz blickte er über den Platz. Wie ein Feldherr in Erwartung der entscheidenden Schlacht. Seiner Schlacht. Es hatte nicht mehr vieler Kniffe und Anspielungen bedurft an jenem Abend, um ihn schließlich selbst auf die Idee kommen zu lassen. Ob er wirklich glaubte, dass es seine Idee gewesen sei, obwohl die ersten Plakate und Presseerklärungen verdächtig schnell fertig waren, als er zur vermeintlich ersten Besprechung mit allen Beteiligten stieß? Es war ihm wohl gleichgültig. Er war wieder dort, wo er immer glaubte hinzugehören, an der Spitze einer Bewegung. Und endlich ging es gegen die, denen er in seiner Laufbahn die schlimmsten Verwundungen zu verdanken hatte, gegen Journalisten, gegen Verbände und Gewerkschaften, gegen Fähnchendreher, gegen diejenigen, die vor 20 Jahren die Märchen von blühenden Landschaften seinen mahnenden Worten vorgezogen hatten, kurzum, gegen das Volk.

So war es dann tatsächlich auch Oskar Lafontaine gewesen, der ihrer Revolutionsbewegung den Schlachtruf gegeben hatte. „Ihr seid das Volk!“ Geschichtsträchtiger, nachhaltiger und präziser hätte man es kaum auf den Punkt bringen können. Franz Müntefering hatte das im selben Moment erkannt, kaum dass Lafontaine den Vorschlag ausgesprochen hatte. „Kein Wunder, dass die damals die Wahl gewonnen haben,“ hatte Merkel bei dieser Besprechung gedacht. Selbst nach 10 Jahren Trennung und Entfremdung schnurrte das Arbeits- und Organisationsteam Lafontaine-Münterfering wie ein Uhrwerk. Selbst die Jungen, wie das Duo Wolf-Koch oder Nahles-Westerwelle hatten Mühe da mitzuhalten.

Und nun bereiteten sie den letzten großen Auftritt vor. Wie an den vergangen 20 Montagen würden sie in Leipzig beginnen. Es würde der größte Aufmarsch von Politikern eines Landes werden, den die Welt je gesehen hat. Von Bürgermeistern bis zu Parlamentspräsidenten, von Gemeinderäten bis zu den Parteivorsitzenden, über 200.000 hatten sich angemeldet. Diesmal alle in Leipzig.

Guten Morgen Deutschland

Die Schlacht war bereits geschlagen und gewonnen. Nachdem sie das Land mit ihrem Generalstreik zunächst in Starre und dann in Schock versetzt hatten, begannen die regelmäßigen Großdemos. Angefangen in Leipzig, bald aber auch in München, in Hamburg, in Köln, Bochum, Wiesbaden, in Frankfurt, in Dresden und natürlich in Berlin. Woche für Woche zogen tausende von Politikern durch die Städte, „Ihr seid das Volk“ skandierend und Flugblätter mit ihren Forderungen verteilend.

Es blieb fast durchwegs friedlich. In Essen war es zur einzigen ernsthaften Straßenschlacht mit einigen hundert Verletzten gekommen, als sich eine Delegation der IG Metall dem Zug der Politiker in den Weg stellte und mit dem Angebot überraschte, man würde sich solidarisch erklären, wenn es dafür eine Arbeitsplatzgarantie für alle Opelmitarbeiter durch die Bundesregierung gebe. Angeblich ist daraufhin Peer Steinbrück, der den Zug anführte, mit geballten Fäusten und lautem Geheul auf den Gewerkschaftsboss losgegangen, was in der Folge zu einer gewaltigen Schlägerei führte. Allerdings gibt es für diese Version keine glaubhaften Zeugen.

Es gab noch ein paar andere Großveranstaltungen, die nur knapp an Ausschreitungen vorbeigeschrammt waren. Denn die Politiker hatten sich gegenseitig geschworen, kein Blatt mehr vor den Mund zu nehmen. In diesen Tagen und Wochen, war das Wort „Wiederwahl“ aus ihrem Vokabular gestrichen. Die Reden, die in der Folge gehalten wurden, waren anfangs der angesprochenen Zuhörerschaft gar nicht recht und in einigen sensiblen Gegenden im Land führte dies ein paar mal zu sehr angespannten Situationen. Aber im Großen und Ganzen überwiegte Vernunft. Und das obwohl die Veranstaltungen gut besucht waren und der Zulauf mit der Zeit immer größer wurde.

Ende Juli gaben die Parteien bekannt, dass sie im Zuge ihrer Proteste die Bundestagswahl boykottieren würden. Kein Wahlkampf, keine Wahlversprechen, keine gratis Würstchen, kein Freibier und schließlich entschied der Bundestag in seiner letzten Sitzung, den Termin für die Wahl auszusetzen und erst zum verfassungsmäßigen letztmöglichen Zeitpunkt wieder anzusetzen.

Dies war der Moment, als die Bevölkerung begann, langsam nervös zu werden. Nachdem zunächst entweder unbeteiligtes Amüsement oder wüste Beschimpfungen über das ohnehin faule Politikerpack die Reaktionen auf den Streik und dann die Demonstrationen waren, begannen nun erstmals Diskussionen. In Vereinen, in Verbänden, aber auch in den Betrieben, in Schulen und Universitäten und auch in vielen Familien wurde erörtert, gestritten und beraten. Die Frage, wie eine vernünftige Balance zwischen den Interessen Einzelner und dem Gemeinwohl gefunden und gehalten werden könnte, bekam eine allgemeine Präsenz, die noch vor kurzem niemand für Möglich gehalten hätte.

Der erste größere Verband, der sich nach einer Mitgliederabstimmung öffentlich und bedingungslos mit den Forderungen der Politiker solidarisch erklärte und der mit einem Zusatz zu den eigenen Statuten festlegte, dass eigene Forderungen künftig immer dialektisch mit den Ansprüchen der übrigen Bevölkerung zu diskutieren seien, war der muslimische Kulturverband in Berlin.

Ihm folgten der sächsische Arbeitgeberverband und der Automobilclub Baden-Württemberg, der Landwirtschaftsverband NRW und das evangelische Jugendwerk Hamburg, dann der WWF und Amnestie International Deutschland, der Deutsche Verlegerverband Frankfurt, die Vereinigung deutscher Messestandorte. In immer kürzerer Folge kamen entsprechende Erklärungen aus allen Teilen der Republik und schließlich riefen DGB und Arbeitgeberverband in einer gemeinsamen Erklärung dazu auf, sich an einen großen runden Tisch zu setzen und zusammen konstruktiv Ziele und Regeln für eine neue deutsche Bundesrepublik aufzustellen.

„Mist,“ raunte plötzlich Frank-Walter Steinmeier von der Seite die Kanzlerin an. „Ich hab gestern glatt was vergessen.“ „Was denn,“ fragte Merkel ihren Außenminister. „Die Bundestagswahl“ grinste der über das ganze Gesicht. „Stimmt, ich auch“ lächelte die CDU Chefin und stieß ihm leicht mit dem Ellenbogen in die Rippen. „Zu dumm“.

Gestern wäre die Wahl gewesen. Sie wird nachgeholt werden. Aber zuvor wird es heute die feierliche Abschlussveranstaltung der „Zweiten Leipziger Montagsmärsche“ geben und morgen beginnen die vorbereitenden Gespräche mit den Interessensgruppenvertretern. Es wird einige Zeit dauern, aber das Ziel haben nun alle klar vor Augen. Zum 60. Geburtstag und zum 20 jährigen Jubiläum der Wiedervereinigung bekommt das Land eine neue Verfassung. Auch diese wird nicht perfekt sein, wird es nicht allen Recht machen können. Aber sie soll, das haben sich alle Beteiligten vorgenommen, die Bundesrepublik für weitere 60 Jahre fit machen – mindestens.

Nun, man wird sehen.

Soweit unser Bericht aus Leipzig. Heute ist Montag, der 28. September 2009.
Und, Guten Morgen Deutschland, wo immer Sie sein mögen.

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Wo ist das Geld?

Geschrieben von hantigkohneo - 14. April 2009

Der jüngste Geldgroßbrand

Der jüngste Geldgroßbrand


Haben Sie im Fernsehen auch den Bericht über die jüngste Geldvernichtung gesehen? Sind doch immer wieder beeindruckende Bilder, oder? Die Farbtöne des Feuers sind ja bei brennenden Banknoten besonders intensiv. Und diese ungeheuer hochsteigenden Rauchschwaden. Es soll Leute geben, die schon am Rauch erkennen, ob Dollar, Euro oder zum Beispiel Britische Pfund verbrannt werden.

Wie bitte? Ah, Sie haben den Bericht gar nicht gesehen? Vielleicht die Bilder in der Zeitung? Auch nicht? Ach was, Sie haben überhaupt noch nie Bilder von so einer Geldverbrennung gesehen? Das ist ja interessant. Wo doch seit Monaten alle Medien ständig voll davon sind:

„5,5 Billionen Dollar verbrannt“ manager-magazin.de (am 18.02.2009)
http://www.manager-magazin.de/geld/artikel/0,2828,608566,00.html

„59 Milliarden verbrannt“ n24.de (27.02.2009)
http://www.n24.de/news/newsitem_4859835.html

„Banken gehören zu den größten Geldvernichtern“ Der Tagesspiegel (19.02.2009)
http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/Finanzen-Finanzkrise-Banken;art130,2733836

„Milliarden verbrannt – massiver GM Jobabbau“ teleboerse.de (07.07.2008)
http://www.teleboerse.de/989979.html

„Billionen Dollar wurden vernichtet“ OÖ Nachrichten / nachrichten.at (07.01.2009)
http://www.nachrichten.at/nachrichten/wirtschaft/art15,91340

„AIG hat mit .. zusammengeschusterten Finanzinstrumenten Milliarden verbrannt“ WirtschaftsWoche (07.03.2009)
http://www.wiwo.de/unternehmer-maerkte/warum-deutsche-versicherer-kaum-aig-absicherungen-kauften-390008/

Eine Metapher? Sie meinen, das mit dem „Verbrennen“ sei nur symbolisch? Es wurde also in Wahrheit gar kein Geld verbrannt? Na dann können wir ja beruhigt sein. Das heißt ja dann, es ist alles noch da. Das ganze Geld, es ist doch noch da? Oder?

Ja nur: Wo ist das Geld?

Wenn Sie sich diese Frage in den letzten Wochen und Monaten auch schon das eine oder andere Mal gestellt haben, dann sind Sie hier richtig! Seien Sie willkommen! Wir laden Sie herzlich ein, uns auf der größten Schatzsuche der Geschichte zu begleiten. Mit dem neuen Blog-Projekt “Wo ist das Geld?

Die Suche beginnt hier…

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Passt auf, was Ihr Euch wünscht…

Geschrieben von hantigkohneo - 5. April 2009

Die Krise wird die Gesellschaft überstehen. Aber der Aufschwung kann sie zerreißen!

Wäre die berühmte gute Fee dieser Tage großzügig mit ihren drei Wünschen unterwegs, es könnte ihr schon bald langweilig werden. Von Angela Merkel bis Barack Obama vom Vorstandsvorsitzenden bis zum Gewerkschaftsboss, vom Hausmeister bis zur Elektroinstallateurin, ja sogar vermutlich der Maffia-Pate, alle kämen mit dem gleichen Begehren zu ihr: das Ende der Krise! Wirtschaftsaufschwung, bitteschön und bitte gleich.

Doch Vorsicht! Der nächste Aufschwung könnte für die Gesellschaft, nach – wie es immer so schön heißt – westlichem Muster, wie wir sie kennen und weitgehend schätzen gelernt haben, mehr Sprengstoff beinhalten, als der aktuelle Niedergang.

Im  Abschwung rücken alle etwas zusammen. Arbeiter demonstrieren für ihre millionenschwere Chefin, Gewerkschafter und Aktionäre üben den Schulterschluss, Politiker und Stammtische schießen sich in seltener Einhelligkeit auf die gleichen Schuldigen ein, ohne dass dies jene besonders beunruhigen müsste.

Das Prinzip der Pumpe

Mit zornigem Erstaunen wird bei den aktuell anstehenden Neiddiskussionen und Schuldzuweisungen immer wieder konstatiert, dass sich die Zahl der Dollar- oder Euromilliardäre im vergangenen Jahrzehnt bald mehr als verhundertfacht hätte und, dass mittlerweile weit über 60% des „Weltvermögens“ von weniger als 10% der Bevölkerung kontrolliert wird. Warum dies so ist, wird dabei allerdings eher selten hinterfragt.

Dabei könnte, wer die Zyklen des wirtschaftlichen Auf und Abs und deren Folgen etwas genauer betrachtet, einen guten Anteil des Geheimnisses, um die beeindruckenden „Werteverschiebungen“ von „unten“ nach „oben“ lüften.

In Zeiten des Abschwungs erscheint es immer wieder logisch und nachvollziehbar, dass alle einen Beitrag zur Überwindung des Tiefs beitragen. So werden Reallohnkürzungen akzeptabel, Produktionssteigerungen selbstverständlich, Kürzungen von Sozialleistungen leicht durchsetzbar. Alles für das gemeinsame Ziel eines baldigen erneuten Aufschwungs.

Geht es hingegen dann tatsächlich wieder aufwärts, gerät die vormalige Eintracht schnell in Vergessenheit. Zu hohe Lohnforderungen würden dann das junge Wachstumspflänzchen gefährden. Ein Kündigungsschutz, der nötigen Flexibilität wegen in der Krise gelockert wird im Boom kaum wieder verschärft und nach Jahren mit fünf Millionen Arbeitslosen fühlen sich derer „nur noch“ drei fast wie Vollbeschäftigung an.

Derweil an der Renditefront unter 25% gar nichts geht.

Und so hat in den vergangenen drei bis vier Dekaden noch jeder wirtschaftliche Durchhänger, einem ordentlichen Blasebalg gleich, jedes Mal wieder die Basis dafür gelegt, immer größere Teile des „Volksvermögens“ immer weiter nach „oben“ zu pumpen. Gleichzeitig wurde dabei stetig der Mittelstand weiter ausgehöhlt und dessen unterer Rand der gefühlten, relativen Armutsgrenze Stück für Stück näher gebracht.

Das war bisher schon so. Bei allen, ganz normalen Ups and Downs. Nun aber haben wir es mit einer Krise von bislang ungekanntem Ausmaß zu tun.

Wünscht es Euch langsam

So sicher wie das unvermeidliche Amen in der Kirche wird auf die Jahrhundertkrise ein ebensolcher Jahrhundertaufschwung folgen. Zweifel ausgeschlossen! Denn irgendwo müssen die mehreren Billionen ja ankommen, die jetzt als Konjunkturpakete, Rettungsschirme oder Notenbank-Aktionen in den weltweiten Kreislauf geschoben werden, gleichsam als Anstoß und Gleitmittel. Die Frage ist nur wo?

Läuft alles wie bisher, so werden diese Milliarden – dem Steueraufkommen der allgemeinen Solidargemeinschaft entnommen – in kürzester Zeit bei jenen angelangen, die schon jetzt die erwähnte Mehrheit am weltweiten Kapitalschatz halten. Was zurzeit als Wiedergeburt des starken Staates oder gar als Auferstehung sozialistischer Ideen wahlweise gefeiert oder gegeißelt wird, könnte sich schon bald als das genaue Gegenteil herausstellen. Um es – fast – mit Churchill zu sagen: Noch nie hätten so wenige so vielen so vieles zu verdanken.

Die bürgerliche, pluralistische, sozialmarktwirtschaftliche Gesellschaftsordnung, zum Beispiel bundesrepublikanischer Prägung, kann, nein, wird das zerreißen. Wie diese Enteignung der steuerzahlenden Masse zugunsten einer kleinen Wirtschaftselite im Resultat aussieht, lässt sich heute bereits im Putin’schen Russland begutachten.

Drum, wünscht Euch kein schnelles Ende der Krise. Nur wenn sich die Euro und Dollar, die gerade in unüberschaubaren Mengen in den Markt rauschen, vorsichtig, ja geradezu beschaulich und über möglichst lange Strecken bewegen – einem Magmafluss gleichend, der sich beobachten und verfolgen lässt – Nur dann besteht eine Chance, dass diesmal tatsächlich viele, wenn schon nicht alle, etwas davon hätten. Am Ende.

Wünscht es Euch, langsam.

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