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Ostblick: Rumänien

Geschrieben von hantigkohneo - 4. Januar 2009

Ohne allzu großes Aufsehen sind zum Jahreswechsel 2007 Bulgarien und Rumänien der Europäischen Union beigetreten. Nicht der einzige Grund aber immerhin ein Anlass für mich, einem der beiden neuen „Familienmitglieder“ den letztjährigen Sommerurlaub zu widmen. Nach nicht eben übermäßig intensivn Vorbereitungen – auf Google- Maps mal rasch nachgeschaut, wo das Land überhaupt genau liegt – starte ich also Mitte Juni zu einer 12-tägigen kleinen Expedition nach dem bewährten Motto „immer der Nase nach“. Verstärkung in Sachen „Nase“ habe ich dabei durch meine erfahrene Reisepartnerin Brooklyn: meiner 3-jährigen Boxer-Mastif-Mischlingsdame.

Von Debrecen (Ungarn) kommend, nach etwa 50 km durch sanfte Puszta-Landschaft, empfängt einen Rumänien mit geballter, brutaler Hässlichkeit. Gleich nach der Grenzkontrolle, die wider Erwarten rasch und problemlos verläuft, bietet das südöstlichste EU Land alles auf, was eine ehemalige sozialistische Republik an verfallenden Industriedenkmälern zu bieten hat. Rostende Rohranlagen, einstürzende Lagerhallen, monströse Fabrikgebäude, die bereits fortschreitend von der Natur zurückerobert werden. Irritierend nur, dass die dazugehörigen Schornsteine qualmen. Sollte hier noch gearbeitet werden? Irritierend auch, dass vor den Hallentoren Kinder spielen und alte, gebückte Frauen in Kleidern, die einmal bunt gewesen sein könnten, Wäsche aufhängen. Sollten hier Menschen wohnen?

Etwas nachdenklich fährt man durch diese zweifellos hässliche und doch faszinierende, sterbende Landschaft und während man sich einerseits zunehmend wie Mad Max fühlt, kommt einem das Ganze doch seltsam vertraut vor. Es fühlt sich an wie Erinnerung. Wie Kindheit? Italien, Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre – Urlaubsbilder aus lang vergangener Jugendzeit. Wer damals vom Brenner kommend ins Bozener Tal fuhr, noch über die windschiefe Brennerlandstrasse, lange bevor Europabrücke und all die schicken Tunnel gebaut wurden, den empfing das gelobte Urlaubsland mit genau der gleiche maroden Hässlichkeit, die einen bis kurz vor Venedig begleitete und die unzweifelhaft von Urlaub kündigte. Erleichtert fahren wir weiter. Alles in Ordnung also. Alles auf dem richtigen Weg.

Rumänische Städte, so scheint es, brauchen geduldige und kämpferische Besucher. Rumänische Städte wehren sich gegen Oberflächlichkeit. Denn wer nur rasch einen Blick auf sie werfen mag und schon am Ortseingangsschild sein Urteil fällt, der wird vermutlich gleich kehrt machen, wenn er die ersten drei oder vier Ringe seelenloser Kastenbauten und verwildernder Gewerbeparks passiert hat. Besucher mit Biss jedoch, die hartnäckig auch den vierten, fünften und sechsten Abwehrring präzise geplanter Augenbeleidigungen durchdringen, werden im wahrsten Sinne fürstlich belohnt. Denn in jeder dieser hartschalig gepanzerten Trutzburgen steckt ein Kern von nicht zu erahnender Schönheit.

Allein Oradea, an sich nichts weiter als die erste größere Siedlun nach der ungarisch-rumänischen Grenze, verbirgt in ihrem innersten eine Ansammlung atemberaubender Jugendstilgebäude, hinter der sich Wien, was Anzahl und Schmuckheit betrifft, getrost verstecken kann. Gewiss, noch ist das alles verstaubt, verbröselt und zerschunden, aber schon wird eifrig freigelegt, gemalert, überarbeitet und restauriert. Eine breite Fussgängerzone führt bereits durch die gesamte Altstadt, aufgelockert mit schlichten aber schicken Holzbänken, entlang an Boutiquen, Cafés und Mobilfunkläden. Die sozialistischen Bausünden halten sich hier im Inneren erstaunlicherweise in sehr überschaubarem Maße und sind grösstenteils sogar so schlicht, dass mit etwas Phantasie daraus recht ansehnliche, zeitgemäße Architektur werden könnte. Rasch mache ich eine Gedankennotiz im mentalen Organizer: „Frühjahr 2014 – Oradea besuchen“, mit dem dann vermutlich sehenswertesten Stadtzentrum Europas!

Wenn Sie authentische rumänische Küche genießen möchten, sei Ihnen Gheorghe Stancescu empfohlen. Er ist seit 1987 Inhaber eines kleinen Lokals in dem seine Frau die Küche führt und die von „Sarmale“, das sind Krautrouladen, über „Mittei cu Cartof Prajiti“, rumänischen Cevapcici, die saftiger sind als die von der Adria, einem „Icre de Rap“ genannten Karpfenroggen-Salat bis zur Kuttelflecksuppe „Ciobra de Burta“ alles bietet, was die rumänische Küche zu bieten hat. Alles durchaus herzhaft und am besten mit einem Zwetschgenschnaps zu verdauen. Das Lokal ist nicht besonders groß, dafür aber vergleichsweise günstig und sehr leicht zu erreichen. Es liegt im 17. Wiener Gemeindebezirk, in Hernals, gleich gegenüber der Kunsteislaufbahn Engelmann!

Weit schwieriger ist es in Rumänien echte heimische Küche auszumachen. Mir ist es in den 12 Tagen meiner Reise jedenfalls nicht wirklich gelungen. In den kleinen, gemütlichen oder auch ungemütlichen Lokalen auf dem Land wird mit Vorliebe Pizza Hawai oder „Snitsel Parisienne“ serviert, wobei letzteres dank der teilweise gemeinsamen K&K Historie Rumäniens und Österreichs mit etwas gutem Willen noch als rumänische Küche durchgehen könnte. In den teureren Restaurants in den Städten ist hingegen internationaler Standard New York Style angesagt. „Chicken Wings in Cornflakes with Mustard Souce“ oder „Hamburger Surpreme with Gorgonzola Dip and Cesars Salate“ – rumänische Hausmannskost scheint derzeit nicht en vogue zu sein.

Ich bin schon immer ein Freund der Donau gewesen. Ich mag den großen Bogen, den sie bei Ybbs in Niederösterreich schlägt, ich freue mich bei jeder Brücke auf der Autobahn von Passau nach Nürnberg, sie zu sehen, ich finde sie ein wenig vernachlässigt bei Wien und ich bin unsinnigerweise stolz auf sie, wenn ich in Budapest bin. Jedoch habe ich die Donau immer als etwas zutiefst österreichisches – klar, die Donaumonarchie – und als sehr gemäßigt, überschaubar, ja eigentlich als etwas sehr bürgerliches empfunden.

Vorurteile, die wortwörtlich über Bord gegangen sind, als ich kurz nach dem kleinen Ort Bazias etwas 80 km südlich von Temeswar um über eine Hügelkuppe gefahren bin und vor mir plötzlich die echte auftauchte. Die wahre Donau.

Denjenigen, die beim Gedanken an die „schöne blaue Donau“ ähnliches empfinden wie ich bis her, denen muss ich an dieser Stelle leider mitteilen, dass das, was wir kennen, nur eine Maske ist. Ein Spiel, das der Fluss mit uns treibt; vielleicht um einfach nicht zu sehr aufzufallen oder uns nicht übermäßig aufzuregen. Aber genau das ist sein eigentliches Wesen: aufregend. Nach jeder Kurve entlang der Uferstrasse – und derer hat es viele – entfuhr mir ein neuerliche „oh“ und „ah“. Immer noch breiter, noch imposanter weitet sich der Fluss aus. Und was wir als eher kühles Gewässer kennen, mit ordentlichen Kirchlein und Klöstern am Ufer, das entfaltet hier südländisches Temperament. Strände mit Sonnenschirmen und Uferpromenaden wechseln sich mit steilen Felsufern ab und mit Urwäldern, die direkt in die Fluten zu stürzen scheinen. So dass man in kurzer Folge wechselnd meint, mal an der französischen Riviera, mal am Grand Canyon und mal am Amazonas zu sein. Und auf dem glitzernden Nass sammeln sich abenteuerlich aussehende Frachtschiffe von beeindruckender Länge, umwieselt von modernen Motorjachten und gefährlich alt und fragil wirkenden Fischerjollen. Und dies alles passiert in einer geradezu musikalischen Farbenpracht, die so betörend ist, dass gar kein Zweifel bestehen kann: liebe Leser und Leserinnen, die Donau ist kein deutsches Mädle und auch keine Dirn aus Österreich, die Donau ist – im besten Sinne – eine Braut vom Balkan.

Ganz nebenbei: Die Flaschenpost, die ich mir eigentlich von Wien aus selber schicken wollte, hätte bis hierher – Drobeta-Turnu-Severin – ziemlich genauso lange gebraucht wie ich.

(in Teil 2 geht es um Zeitsprünge und warum Dracula ein Schwabe war…. folgt in Kürze)


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