Hantigk ohne O

journalliterarische Miniaturen zu aktuellen Geschehnissen, allgemeinen Beobachtungen und allerlei Anderem

Mit ‘Krise’ getaggte Artikel

The Change: das Ende der Krise

Geschrieben von hantigkohneo - 23. Februar 2009

Eine pre-historische Fiktion

Die folgenden, frei erdachten historischen Begebenheiten möchte der Autor als Anregungen zu einer Diskussion auf mehreren Ebenen gelesen wissen. Zum einen über die potentielle Machbarkeit und die Erfolgsaussichten des Beschriebenen, zum anderen aber vor allem über die moralischen und ethischen Fragen und Konsequenzen, die sich aus dem – noch nicht – Geschehenen ergäben.

Es sollte bis Mitte der 60er Jahre des 21. Jahrhunderts dauern, ehe aus den vielen Gerüchten und Legenden, die seit Jahrzehnten kursierten und in regelmäßigen Wellen wieder vermehrt an die öffentliche Oberfläche gespült wurden, eine Rekonstruktion der Ereignisse gelang, die allgemein als der Wahrheit sehr nahe kommend anerkannt wurde.

Dem „ Online-Reflektor“, jenem kleinen aber sehr renommierten Nachfolger des 2018 in Konkurs gegangenen deutschen Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, gelang es als erstem Medium, ausreichend Aussagen von Zeitzeugen, geheime Unterlagen und zum Teil private Aufzeichnungen zusammen zu tragen, um der Welt einen neuen Blick auf sich selbst zu ermöglichen, den die meisten als unmöglich betrachtet hätten.

Für große Teile der Bevölkerung war die Titelstory, die am 9. Oktober 2069, also auf den Tag genau 60 Jahre nach dem fortan legendären „BlackBerry Day“ erschien, ein Schock. Ausgerechnet die Gewissheit dessen, was bislang nur geahnt wurde, bedeutete für viele Menschen geradezu einen Realitätsverlust, dessen Folgen bis heute kaum abzusehen sind. Denn die Geschichtsschreibung und –forschung musste für große Teile des 21. Jahrhunderts nach neuen Quellen suchen.

Kapitel 1 „BlackBerry“

Es war jener 9. Oktober des Jahres 2009, an dem sich der damals wohl bekannteste BlackBerry-Besitzer der Welt mit ebendiesem Gerät an einen stillen, wie auch abhörsicheren Ort begab.

Lange wurde gerätselt, wie es Barack Obama gelungen war, alle Sicherheitsvorkehrungen zu unterlaufen und zu verhindern, dass Aufzeichnungen der von ihm geführten Gespräche gemacht wurden, ja, dass diese Anrufe überhaupt unbemerkt bleiben konnten. Malia Obama, die älteste Tochter des noch immer von weiten Teilen der Bevölkerung hoch verehrten Präsidenten, lüftete dieses Geheimnis bei einem vertraulichen Gespräch mit „Reflektor“ Redakteurin Jakoba Weisberg-Sintao im Sommer 2069 in Shanghai, am Rande eines UN Umweltgipfels. Die Antwort auf diesen Teil des Rätsels war beinahe enttäuschend banal.

Eine Freundin hatte der damals 12 jährigen Malia ein BlackBerry der Rihanna-Sonderedition geschenkt und diese Präsent hatte offenbar niemand im Weißen Haus zur Kenntnis genommen. Bis auf ihren Vater. Und Barack Obama hütete dieses Geheimnis. Wie sich herausstellte, als seine höchstpersönliche, elektronische Geheimtür, heraus aus dem Zentrum der Macht, in die Welt.

Diejenigen, die den Präsidenten persönlich gekannt hatten, sind fast durchwegs davon überzeugt, dass es weder jugendlicher Übermut, noch präsidiale Hybris waren, die den ersten schwarzen Chef im Weißen Haus dazu veranlasst hatten, an diesem 9. Oktober mit ein paar Dutzend Telefonaten nicht nur die „Hausordnung“ der Villa an der Pennsylvania Avenue zu unterlaufen, sondern gleich eine ganze Reihe  geschriebener und ungeschriebener Grundlagen, sowohl der amerikanischen Gesellschaft als auch großer Teile der so genannten freien Welt.

Es war wohl auch nicht Sorge um die eigenen Umfragewerte, die ihn antrieb. Diese waren trotz anhaltender und sich weiter verschärfender Wirtschaftskrise immer noch ausgezeichnet. Die Menschen hatten den Glauben an ihn noch nicht verloren, aber Obama wusste, dass dies über kurz oder lang geschehen würde, und dass er handeln musste, solange er sich des Rückhaltes in der Bevölkerung noch weitgehend sicher sein konnte.

Die milliardenschweren Rettungs- und Hilfspakete hatten bislang kaum Wirkung gezeigt, der Staat war am Rande seiner Handlungsfähigkeit angelangt und die Abwärtsspirale aus pessimistischen Erwartungen, fallenden Börsenkursen, Massenentlassungen und immer weiteren Umsatzeinbrüchen, drehte sich mit schier unaufhaltsamer Eigendynamik immer weiter und tiefer nach unten.

Dem Präsidenten war klar, dass sich sein Zeitfenster für eine Wende der Dinge mit jedem Tag weiter verkleinerte.

Es ist nicht überliefert, wie sich der mächtigste Mann des Planeten dabei gefühlt hatte, während er die, größtenteils privaten Telefonnummern, die er nun eine nach der anderen wählte, über mehrere Wochen hinweg heimlich eruiert und gesammelt hatte. Genauestens darauf achtend, dass niemand, nicht einmal seine Frau oder seine engsten Mitarbeiter, etwas davon merken würden. Vielleicht musste er sogar insgeheim ein wenig lächeln. Ein US Präsident als einsamer Privatdetektiv.

Bei den Gesprächen mit den Personen auf seiner top-secret Liste dürfte er eher nicht gelächelt haben. Zu wichtig waren diese Unterredungen und viel zu weit reichend die Folgen, wenn auch nur einer der Angewählten weitererzählt hätte, was ihnen Barack Obama jeweils eröffnete, oder gar gleich an die Öffentlichkeit damit gegangen wäre.

Eine von Obamas schlagkräftigsten Waffen war von jeher seine entwaffnende Offenheit im persönlichen Gespräch. Und es dürfte genau diese Offenheit gewesen sein, die ein solches Worst-Case-Szenario verhindert hatte. Seine Gesprächspartner waren denn auch durchwegs überwältigt von dem Vertrauensvorschuss, den ihnen der Präsident entgegenbrachte, indem er jeden vom ihnen theoretisch in die Lage versetzte, nicht nur seinen Plan zu durchkreuzen, sondern in letzter Konsequenz auch seine Präsidentschaft jäh zu beenden und ihn, den Hoffnungsträger der Nation, eventuell sogar direkt vom Oval Office in eine Zelle einer staatlichen Verwahrungsanstalt zu befördern.

Natürlich hatte Obama in Gedanken mehrere Exitstrategien durchgespielt. Vom klassischen, totalen Dementi über einen Test der Vertrauenswürdigkeit einiger der wichtigsten Institutionen des Landes bis hin zu einem verspäteten Aprilscherz, der ihm, im Angesicht der großen Belastungen, ein wenig überzogen geraten wäre.
Er war zu dem Schluss gekommen, dass keiner dieser Notfallpläne plausibel und realistisch war und dass vor allem keiner davon seinen Ansprüchen sich selbst gegenüber genügt hätte. Im Falle X, so war sein Entschluss, müsste er sich den Dingen, die dann auf ihn zu kämen, so stellen, wie es die Situation verlangen würde. Es sollte nicht dazu kommen.

Obamas unfreiwillige Konspirationspartner waren bei weitem nicht alle sofort Feuer und Flamme. So manches dieser Telefonate an diesem Tag zog sich über mehr als eine Stunde. Es waren zum Teil heftige und intensive Diskussionen, war doch jeder der Angesprochenen gezwungen, einen tief greifenden Diskurs mit sich und seinem Gewissen auszufechten. Fast alle baten sich Bedenkzeit aus.

Es müssen lange und quälende Stunden gewesen sein, für den in dieser Zeit wahrscheinlich einsamsten Präsidenten, den die Vereinigten Staaten je hatten.

Es ist bis heute nicht zur Gänze geklärt, wer alles zu dieser Runde der präsidialen Verschwörer gehörte. Von einigen ist es mittlerweile bekannt und gesicherte Erkenntnis. Bei einigen Personen liegt die Vermutung nahe, ob dessen, was in der Folge von den ihnen jeweils unterstellten Institutionen publiziert wurde. Eine immer wieder schwankende Anzahl will dabei gewesen sein, kann dies aber nicht restlos überzeugend glaubhaft machen, so dass in diesen Fällen wohl meist von persönlicher Mythenbildung auszugehen ist.

Kapitel 2 „Die Legende der Holzfäller“

Es begann mit einer eher unscheinbaren Meldung der obersten US Arbeitsmarktbehörde am 20. Oktober 2009. Im dritten Quartal des Jahres, so die unprätentiöse Verlautbarung, sei die Arbeitslosigkeit erstmals seit fast zwei Jahren nicht weiter angestiegen. Mann wolle keine Illusionen aufkommen lassen, aber die Möglichkeit sei nicht auszuschließen, dass die Talsohle auf dem Arbeitsmarkt eventuell erreicht sein könnte. Im holzverarbeitenden Gewerbe in den nördlichen Bundesstaaten sei sogar eine spürbare Nachfrage nach neuen Fachkräften verzeichnet worden.

Es schien, als hielte das ganze Land den Atem an.

In die fast gespenstische Stille auf den Fluren der Wirtschaftsredaktionen, der Ratingagenturen und in den Spielhallen an der Wall-Street hinein, entsandte fünf Tage später das Statistikamt eine Nachricht. Landesweit seien im vorangegangenen Monat die Zwangsversteigerungen überschuldeter Immobilien im Durchschnitt um fast 15 % zurückgegangen. Der Maklerverband in Arkansas ließ in einer Aussendung verlautbaren, seine Mitglieder hätten eine Belebung der Nachfrage festgestellt. Was bedeutete, dass es zum ersten Mal seit 30 Monaten überhaupt eine Nachfrage nach Immobilien gegeben hätte.

Sensible Gemüter glaubten ein angespanntes Zittern im Land zu vernehmen, als Benjamin D. Stroke, der erst kurz zuvor neu bestellte Konkursverwalter von General Motors, mittlerweile bereits der dritte in dieser Funktion, zu einer überraschend anberaumten Pressekonferenz lud.

Umfragen unter den 500 größten GM Händlern im Land hätten ihn veranlasst, die an sich bereits beschlossene Schließung des zweiten Hauptwerkes in Detroit zunächst um drei Monate zu verschieben. Nachdem der Öl- und Benzinpreis auf das niedrigste Niveau seit Begin des Jahrtausends gesunken sei, gäbe es Indizien, die auf eine vorsichtige Steigerung bei Neuwagenverkäufen hindeuten könnten.

„Vorsichtig“ war in den folgenden Tagen und Wochen eine der meist verwendeten Vokabeln. „Vorsichtig optimistisch“ waren Presseaussendungen, Zeitungskommentatoren und Veröffentlichungen von Meinungsforschungsinstituten und Thinktanks.

Welche und wie viele davon auf direkte Anregung des Präsidenten gefälscht und welche nur Mitläufer waren, um den Zug nicht zu verpassen, lässt sich aus heutiger Sicht nicht mehr eindeutig rekonstruieren. Es wird vermutet, dass zirka ab der vierten oder fünften Woche nach der „Legende der Holzfäller“, wie die erste Meldung der Arbeitsstatistiker bis heute genannt wird, bereits auch echte Meldungen positiven Inhalts dabei waren. Zum Teil Meldungen, die es auch zuvor schon gegeben hätte, die aber zurückgehalten wurden, sei es weil Jubel in der allgemeinen Depression als unschick galt, sei es, um nicht Chancen auf Staatshilfen zu vergeben, sei es um kein Frühstarter zu sein, dem dann, wenn die Rallye losginge, vorzeitig die Luft ausginge.

Obama hatte solch ein Unterdrücken von  guten Nachrichten oft vermutet und sich besonders darüber geärgert. Es mag darin sogar die Keimzelle für seinen Plan gelegen haben.

Kapitel 3 „Xi Jinping“

Wie raffiniert, aber auch wie geradezu dreist und fast tollkühn der amerikanische Präsident seine Konspiranten ausgewählt und mit diesen die initiierenden Meldungen zur Trendwende erfunden hatte, zeigt sich bei genauerem Hinsehen.

Eine verarbeitende Holzindustrie hatte es zum Zeitpunkt jener ersten Nachricht in messbarem Umfang bereits nicht mehr gegeben. Der letzte entsprechende Unternehmensverband war ein halbes Jahr zuvor Mangels Mitgliedern aufgelöst worden. So gab es denn auch niemanden, der die Verlautbarung des Arbeitsamtes hätte überprüfen oder öffentlich anzweifeln können.

Als besonders gewagt gilt, dass Obama mit Benjamin D. Stroke einen als öffentlichen Masseverwalter bestellten Bundesrichter mit in sein neues „Change-Team“ aufgenommen hatte. Ein hohes Risiko. Aber er hatte die Wirkung, die dessen unerwartete Erklärung gehabt hatte richtig eingeschätzt.

Als die wirkliche Schlüsselfigur zum Gelingen des ganzen Vorhabens muss jedoch eine Person gesehen werden, die nicht einmal Amerikaner war, die man, eher im Gegenteil, nicht unbedingt zu den besten Freunde Amerikas gezählt hätte und von der bis heute unklar ist, wie es dem US Regierungschef gelingen konnte, sie mit ins Boot zu holen.

Die Liste der Legenden, die sich um die Beziehung zwischen Barack Obama und Xi Jinping ranken, ist allein schon zu lang, um sie hier auch nur aufzuzählen. Sicher ist nur, dass ohne den chinesischen Vizepräsident Xi der Erfolg des Unterfangens mehr als unsicher gewesen wäre. Zu vorsichtig, zu angstvoll, zu verunsichert waren noch immer die Investoren, die Banken, die Unternehmer und vor allem die Konsumenten, als dass sich die Abwärtsspirale hätte bereits durchbrechen und in einen Aufwärtstrend verwandeln lassen.

Am 10. Dezember titelte die New York Times: „9,8 % Wachstum in China erwartet!“ Und weiter hieß es: „Chinas Vizepräsident gibt Investitionen aus Indien und Mittlerem Osten bekannt. Bereits mehrere Millionen neue Jobs für Wanderarbeiter. Staatliches Förderprogramm für mehr Mobilität sorgt für Sturm auf Autohändler“

Vier Stunden vergingen, nachdem die ersten Zeitungsexemplare ausgeliefert waren. Vier Stunden, in denen die Welt auf ein Dementi aus Peking wartete. Es kam nicht. Dann öffnete die New Yorker Börse. Und explodierte.

Kapitel 4 „Geschichte“

Der Rest ist Geschichte. Am 4. November 2013 wurde Barack Obama mit der höchsten Zustimmung, mit der je ein US Präsident ein Wahl gewonnen hatte für seine zweite Amtszeit bestätigt. Obwohl, oder weil niemand wusste, was er mit dem BlackBerry seiner Tochter getan hatte.

Diese Frage – obwohl oder weil – ist sicher ausreichend, um es kluge Köpfe und Gemüter bis zum Ende des Jahrhunderts Obamas Wirtschaftswunder gleich tun zu lassen: auf Hochtouren bis zum Siedepunkt zu laufen.

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Der Mensch erfand das Feuer. Leider!

Geschrieben von hantigkohneo - 14. Februar 2009

Ein enttäuschende Offenbarung an alle, die glauben, dass sich menschliche Zivilisation und Umwelt in Einklang bringen ließen.

windradschatten Nun haben also die regierenden Großkoalitionäre – dem immerwährenden Wahlkampf sei’s gedankt – mit großem Rabums das so genannte „Umweltgesetzbuch“ scheitern lassen. Gemäß dem Motto „first things first“ und „jede Krise zu ihrer Zeit. Und jetzt ist Wirtschaftskrise. Die Umweltkrise heben wir uns für später auf“. Passt eh! Zukünftige Kanzler und Kanzlerinnen, Umwelt-, Innen-, Wirtschafts- und Verteidigungsminister und –Ministerinnen sollen ja auch noch was zu tun haben. Und das werden sie! Dann nämlich, wenn die zurückgestellten Umwelt- und Energieprobleme, nachdem sie sich brav wieder hinten angestellt haben, erneut vorne in der Reihe stehen. Mittlerweile zu ausgewachsenen Katastrophen gereift. So gesehen, eine durchaus weitsichtige Vorgangsweise!

Und sie gibt uns Zeit, noch mal ordentlich nachzudenken:

Fassen wir also zusammen: Wir brauchen eine neue Umweltpolitik! Wir brauchen eine neue Klimapolitik! Wir brauchen eine neue Energiepolitik!

Diese Sätze sind schon so oft ver- und gewendet, ge- und verbraucht worden, so oft durchgekaut, dass sie im wahrsten Sinne schon reichlich geschmacklos geworden sind. Ich verwende sie trotzdem!

Aber nur, um sie sofort zu widerrufen und zu sagen: bevor wir überhaupt über eine Umwelt-Klima-Energiepolitik reden, bevor wir immer und immer wieder, je nach Stimmungs- und Argumentationslage, erneut die neueste neue Energiepolitik ausrufen, sollten wir einen Schritt zurück treten und eine ehrliche Bestandsaufnahme machen. Gehen wir ganz zum Anfang: Der Mensch erfand das Feuer.

Und damit wurde er zum einzigen Lebewesen, dass Energie außerhalb des eigenen Körpers nutzt und verbraucht. Unglücklicherweise fand er Gefallen daran, gewöhnte sich an den gewärmten Pelz und wurde schließlich abhängig davon.
Egal wie weit sich die mittlerweile hochtechnisierte Menschheit im 21 Jahrhundert einzuschränken breit sein mag, ohne Energieverbrauch ist sie nicht mehr überlebensfähig. Punkt Eins.

Punkt Zwei: es gibt keine derzeit bekannte und realisierbare Art der Energiegewinnung, die nicht Auswirkungen auf unsere Umwelt hätte und die damit letztlich auch wiederum unser eigenes Leben gefährdet. Keine einzige!

Und Punkt drei: alle bisherigen Diskussionen darüber, welche Art der Energiegewinnung denn nun am schnellsten in den Weltuntergang führe und daher am dringlichsten auszumerzen sein, wurden entweder von Lobbygruppen mit Input versorgt oder sie wurden höchst emotional aus dem Bauch heraus geführt. Eine sachliche und wissenschaftliche Untersuchung dazu hat es meines Wissens noch niemals gegeben.

Apropos Wissenschaft, und damit noch mal zurück zu Punk zwei, denn ich sehe noch den Glanz des Widerspruchs in Ihren lesenden Augen. „Was ist denn mit den alternativen und regenerativen Energieformen?“ wollen Sie fragen, stimmt’s?

Genau an diesem Punkt setzt eine meiner größten Verwunderungen ein, über die menschliche – ja, was eigentlich – Einfältigkeit? Fähigkeit zur Selbsttäuschung? Manipulierbarkeit?

Erinnern Sie sich an die Sache mit dem „Biosprit“? Gefeiert, wie das berühmte Ei des Kolumbus. Verpflichtende Biosprit-Anteile für demokratische Verhältnisse geradezu blitzschnell in Gesetze gegossen, sogar gleich EU weit.

Ich will nicht neunmalklug klingen, aber ganz ernsthaft, habe ich mich von Anfang an gefragt, wo eigentlich der Clou beim Biosprit sein soll. Kohlenstoffhaltiges Material wird verbrannt, CO2 kommt in die Atmosphäre. Was sollte – mit Blick auf die Klimaerwärmung – daran besser sein, als beim Verbrennen von fossilem Material? Ich dachte eine Zeit lang, dass ich bei dem Begriff Biodiesel vielleicht etwas nicht verstanden hätte, dass der Denkfehler bei mir läge.

Irgendwann hörte ich dann zufällig einen Radiobeitrag zu dem Thema und da wurde es mir erläutert. Dass nämlich Biodiesel deswegen CO2-neutral sei, weil die dabei verbrannte Pflanze zuvor, beim Wachsen mittels Photosynthese dieselbe Menge CO2 aus der Atmosphäre entnommen habe.

Kaum gehört, war mir – wieder möge man mir die vermeintliche Besserwisserei verzeihen- klar, dass es sich hier um einen gewaltigen Irrtum handelte. Nicht klar hingegen war mir, wie es sein konnte, dass Armaden von sicherlich intelligenten Menschen, Wissenschaftlern, Politikern etc nochmals rund 18 Monate brauchten, um diesen Gedankenfehler auch zu verstehen. Dass nämlich diese CO2 Neutralität nur dann wirklich zutrifft, wenn die zu Biosprit verarbeiteten Pflanzen irgendwo wachsen, wo zuvor keine Pflanze gewachsen ist. Also zum Beispiel in Wüsten, auf Hausdächern oder Autobahnen usw.

Sobald aber irgendeine Pflanze nicht mehr wächst, weil nun dort ein Biodieselgewächs angebaut wird – und dabei ist es ganz egal, ob wir auf Lebensmittel, Futtermittel, Zierpflanzen oder Gänseblümchen zu Gunsten von sprit-Soja oder Diesel-Hanf verzichten – in diesem Moment ist es jedenfalls vorbei mit der vermeintlichen CO2 Neutralität. Weil dann eben genau doch zusätzlicher Kohlenstoff verbrannt wird, der ansonsten entweder in der Nahrungskette oder innerhalb der Pflanze, zum Beispiel eines hundert Jahre lang wachsenden Baumes oder im Verrottungs- und Humusbildungsprozess langfristig gebunden wäre.

Dass die Menschheit noch viel dummdreister ist und sogar anfangen würde für das kurze Glück von ein paar Tropfen Biopetroleum den größten C02 Speicher den wir auf der Erdoberfläche besitzen, nämlich den tropischen Regenwald, noch forcierter abzuholzen, so weit ging allerdings selbst meine Vorstellungskraft nicht, als ich den erkenntnisreichen Radioreport gehört hatte.

Es blieb die Frage, warum besagte Herscharen von Wissenschaftlern, Entwicklern und Politikern nicht in der Lage sind, ein einziges Mal einen Schritt weiter zu blicken, als bis zum unmittelbar nächsten.

Und es geschieht wieder. Denn in ihren immer noch widersprechenden und Grünen-geschulten Leseraugen sehe ich ja noch triumphierend die Begriffe „Windkraft“, „Gezeitenkraftwerke“ oder „Wassserstoffantrieb“ lodern.

Es tut mir ja leid. Aber es ist überall das Gleiche. Nehmen wir die Windkraft. Ich liebe Windparks. Sie sind für mich immer wieder ein erhabener Anblick, der mich mit Stolz und Sehnsucht erfüllt, wie vergleichbar dereinst einen Seefahrer der Blick auf einen Viermaster hart am Wind. Aber trotzdem, auch hier weiß ich wieder nicht, warum noch niemand wirklich deutlich auf die Schattenseiten hingewiesen hat.

Im November 2008 habe ich erstmals eine winzige Notiz in einer Spiegel-Ausgabe gesehen, die angemerkt hat, dass Wissenschaftler errechnet hätten, dass große Windparks zu Turbulenzen und Störungen innerhalb der Luftströmungen führen könnten, deren Folgen noch nicht abzusehen seien.

Ach was? Jetzt mal im Ernst: wenn wir zum Beispiel vor der Küste Norddeutschlands geradezu babylonische Türme ins Wasser pflanzen, mit gigantischen Rotorblättern, und derer hunderte, glaubt wirklich irgendjemand, das bliebe ohne Folgen?

Was wollen wir denn mit diesen Dingern anfangen? Richtig: Energie gewinnen! An dieser Stelle sei angemerkt, dass der Begriff „Energiegewinnung“ an sich schon eine Irreführung ist. Es gibt da nämlich – einigen Gelehrten wird das geläufig sein – so etwas, wie ein Naturgesetz. Man nennt es trefflicherweise Energieerhaltungssatz. Soll heißen, Energie geht weder verloren noch wird sie gewonnen, sie wandelt nur ihre Form. Wenn wir nun also mittels dieser phantastischen Windmühlen Energie in unsere Stromnetze bekommen, dann folgt daraus unweigerlich, dass diese Energie irgendwo entzogen wurde. In diesem Falle der Luft.

Ich bin kein Wissenschaftler, aber das braucht man, glaube ich, auch nicht zu sein, um sich vorstellen zu können, dass, wenn man den Luftströmungen, die ja ein sehr komplexes und noch bei weitem nicht grundlegend erforschtes System bilden, auf großer Front Terrawattweise Energie entzieht, dies irgendwelche Folgen haben muss.

Die Luftmassen werden langsamer. Sie werden weniger weit kommen. Im angesprochenen Fall der Offshore Parks an der Nordseeküste hieße das zum Beispiel, dass die Luft Feuchtigkeit weniger weit ins Landesinnere tragen kann. Trockenheit und Dürren könnten die Folge sein. Vielleicht in Niederbayern, vielleicht auch erst in der Ukraine. Wäre es nicht angebracht, sich darüber ein paar Gedanken zu machen, bevor man anfängt einen Windschutzwall zu bauen, der in seiner Wirkung einem kleinen Alpenzug entspricht – nicht umsonst gelten Alpen hinlänglich als Wetterscheide.

In Wahrheit ist es so, dass man sich kaum einen unmittelbareren Eingriff in das komplizierte Klimasystem des Planeten vorstellen kann, als Windkraftwerke.

Oh doch, ein ähnlich dramatischer und direkter Eingriff fällt mir gleich ein: Gezeitenkraftwerke.

Sie kennen vielleicht die schönen wissenschaftlichen „was wäre wenn“ Spielchen: zum Beispiel, die Erde ohne Mond. Diese Untersuchungen sorgen doch immer wieder für wohliges Sci-Fi Schaudern bei intellektuell geprägtem Smalltalk.

Kurz zusammengefasst, eine Erde ohne Mond wäre ziemlich sicher unbewohnbar. Unter anderem, weil dann die Gezeiten fehlen würden, die wiederum mit der ganzen Wucht der Meeresmassen bremsenderweise dafür sorgen, dass sich unsere Erdkugel vergleichsweise langsam um ihre Achse dreht, was wiederum zur Folge hat, dass uns nicht permanent die Atmosphäre mit Geschwindigkeiten von mehreren Hundert oder gar Tausend Km/h um die Ohren saust. Ein Umstand, der sich für die Entwicklung von Leben auf diesem Planenten als äußerst hilfreich erwiesen hat.

Und jetzt gehen wir her und fangen an, die Gezeiten auszubremsen. Gute Idee?

Was war da noch? Ach ja, der Wasserstoffantrieb. Ganz tolle Sache. Als Rückstand nur Wasser und Sauerstoff. Keine Klimagase. Perfekt.

Schade nur, dass es auf der Erde keinen ungebundenen Wasserstoff gibt!
Er muss mittels Elektrolyse aus Wasser gewonnen werden. Ein äußerst energieintensives Verfahren. Autos mit Wasserstoff anzutreiben hieße folglich lediglich, den schädlichen Energieverbrauch von der Straße weg in Kraftwerke zu verlegen.

Oh, ich sehe, sie setzen immer noch zu Widerspruch an. Und diesmal mit ultramodernem Hi-Tech-Wissen, ja? Algenarten, die in der Lage sind, in einer Art alternativer Photosynthese Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zu trennen. Das wollten sie mir jetzt entgegenschmettern, hab ich recht?

Gut, gut. Sagen wir, das funktioniert. Woher kommt das Wasser? Aus den Ozeanen, ist ja genug da, sagen wir mal. Und dann? Dann verfrachten wir Wasserstoff – alle technischen Probleme, wie den Umstand, dass dieser auf unter Minus 200 Grad abgekühlt sein muss, um flüssig zu sein, lassen wir mal als lösbar dahin gestellt – wir schaffen also Abermillionen Tonnen von Wasserstoff in die industrialisierten, Auto fahrenden Gegenden dieser Welt, zum Beispiel nach Europa. Und dort machen 200 Millionen Kraftfahrzeuge, aus Sauerstoff, der ja netterweise gratis in der Luft rumhängt, und aus diesem biologisch erzeugten Wasserstoff nichts weiter als harmloses Wasser.

Abermillionen Tonnen von Wasser. Abermillionen Tonnen von Wasser, das eigentlich in den Ozeanen sein sollte…..

Ich muss das jetzt nicht weiter ausführen, oder? Dazu sollte die Phantasie reichen.

Wie? Sie geben immer noch nicht auf? Was denn noch? Oh! Wie konnte ich das übersehen: Sonnenenergie. Natürlich, grenzenlos, verfügbar – jüngsten Berechnungen nach jedenfalls noch mindestens 5 Milliarden Jahre lang, damit kommen wir für’s erste durch.

Nanu, ich sehe, Ihr Siegerlächeln gefriert? Gratuliere! Willkommen im Klub derer, die zwei Schritte weit denken können.

Völlig richtig: Die Sonnenenergie, die auf der Erdoberfläche ankommt tut zweierlei Dinge: sie wärmt die Erdoberfläche und sie wird reflektiert und erwärmt dabei die Atmosphäre.
Und nun stellen wir gigantische Photovoltaikflächen auf. Am besten auf jedes Hausdach welche. Und damit holen wir uns die Sonnenenergie. Was bedeutet, dass sie nicht mehr, oder nur verringert, die Erdoberfläche erwärmt und nicht mehr oder weniger reflektiert wird.

Was das bedeutet? Das weiß ich nicht. Das weiß vermutlich niemand, weil sich noch niemand darum gekümmert hat.

Und genau darum geht es!

Bevor wir uns die Köpfe wahlweise darüber zerbrechen oder einschlagen, ob nun Atomkraft oder Windenergie, Kohle, Gas oder Sonne Heil oder Hölle sind, sollten wir einfach mal die klügsten Köpfe zusammen trommeln und eine ehrliche, vergleichende und nachhaltige Analyse machen lassen.

Da könnte dann zum Beispiel – stark vereinfacht – drin stehen:

Atomkraft: Risiken: eines von 10.000 Kraftwerken fliegt in die Luft, dabei sterben durchschnittlich 150.000 Menschen und es wird im Schnitt ein Areal von der Größe Hessens auf 10.000 Jahre hin unbewohnbar. Die hochstrahlenden radioaktiven Abfälle können – egal wie – höchstens zu 93,7623% sicher verwahrt werden, was bedeutet, dass statistisch pro Gigawatt jeweils 1,23 Strahlentote durch Spätfolgen wie Krebs etc hinzukommen. Vorteile: keinerlei klimaschädliche Abgase.

Kohlekraftwerk: Risiken: statistisch steigt pro Gigawatt die Durchschnittstemperatur der Atmosphäre um 1 Mikrograd in 10 Jahren und somit u.a. der Meeresspiegel um 1 Mikrometer pro Gigawatt. Statistisch umgelegt heißt dass, dass – Wirbelstürme und Springfluten eingerechnet – pro Gigawatt 0,98 Menschen sterben. Spätfolgen wie z.B. Krebs erregt durch Feinstaub etc. eingerechnet liegt die Sterblichkeit bei ca 1,14 Menschen pro Gigawatt. Vorteile: die Sterblichkeit ist weltweit und über lange Zeiträume verteilt, was sie weniger dramatisch erscheinen lässt. Weiterer Vorteil, vergleichsweise billig.

Windkraft: Risiken: statistisch verdorren pro Gigawatt Stromerzeugung in mittleren Kontinentallagen 1,476 Hektar Ackerfläche. Ertragssteigerungen durch Zunahme von Intensivanbau eingerechnet wird dies die Hungersterblichkeit weltweit um 0,69 Menschen pro Gigawatt steigern. Durch zunehmende Wasserknappheit in inneren Kontinentallagen werden kriegerische Handlungen zunehmen. Zu erwarten ist eine Sterblichkeit von ca 0,21 Personen je Gigawatt Windstrom. Vorteile: vorerst keine Ressourcenbegrenzung, sofern Änderungen der Luftströmungen durch die Beeinflussungen von vornherein eingeplant werden, so dass die Windanlagen darauf flexibel reagieren können.

Und so weiter…

Wie zuvor hoffentlich nachvollziehbar dargelegt, wird es in dieser Analyse keine Energiegewinnungsart ohne den ernstzunehmenden Punkt „Risiko“ geben. Aber das wäre dann wenigstens einmal ein solides Dokument anhand dessen man sich zusammen setzen könnte und ausbaldovern, mit welchem Mix aus den vorhandenen Möglichkeiten, sich der unverzichtbare Bedarf an Energie mit dem geringsten Risiko decken lässt und sich die ebenfalls unvermeidbaren Schäden dabei möglichst in Grenzen halten.

Und man könnte auf diese Schäden von vornherein eingehen und ihnen prophylaktisch entgegen wirken, anstatt mit erstaunten und entsetzten Augen, immer erst dann, wenn sie mit meist katastrophaler Wucht eingetreten sind.

Ein solches Vorgehen, erst eine kritische, gründliche und ehrliche Analyse, dann darauf basierende Entscheidungen, unbeeinflusst von allen Lobbygruppen, das würde dann wahrhaft das Prädikat „neue Umwelt-, Energie- und Klimapolitik“ verdienen.

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“Jahr der Bewährung”

Geschrieben von hantigkohneo - 8. Januar 2009

Die Krise als Medien-Hype
Warum die öffentlichen Meinungsmacher 2009 eine besondere Verantwortung haben

Spiegel Cover 01/09

Spiegel Cover 01/09

Wirtschaft, so sagt man allgemein, besteht zu rund 50% aus Psychologie. Trotz der Schlichtheit dieser Annahme und des gewissen Fatalismus, der sich in ihr findet, dürfte sie sich im Großen und Ganzen allgemeiner Anerkanntheit erfreuen. Zurzeit jedoch, kann man davon ausgehen, dass der psychologische Anteil an der Entwicklung der Weltwirtschaft noch weit höher liegt.

Im Gegensatz zur so genannten Finanzkrise, bei der zumindest das Platzen der amerikanischen Immobilienblase als Ursache festgemacht werden kann, gibt es für die sich nahezu vorwarnungslos abzeichnende Weltrezession quasi keinerlei realwirtschaftliche Gründe. Noch Mitte des Jahres zeigten- in Deutschland beispielsweise – alle üblichen Indikatoren steil nach oben. Der politische Streit drehte sich in erster Linie um die Verteilung der schier nicht enden wollenden Steuermehreinnahmen ob der guten Konjunkturentwicklungen und auch weltweit überschlug sich die Begeisterung und Bewunderung zum Beispiel für viele Schwellenländer, die drauf und dran waren, zur „ersten Welt“ aufzuschließen, bzw. angesichts sprudelnder Ölquellen und exorbitanter Rohstoffpreise, diese sogar zu Überrunden, zumindest in Sachen Devisenreserven oder in Hinblick auf prall gefüllte Geldspeicher nimmermüder Staatsfonds auf Einkaufstour.

Innerhalb weniger Wochen, muss man fast sagen, ist dann alles ganz anders gekommen. In erster Linie aufgrund einer Kettenreaktion von psychologischen Gründen. „Vertrauenskrise“ ist denn ja auch einer der viel zitierten Begriffe dieser Tage.

Wenn nun also Psychologie, sprich Stimmung, Meinung, Vermutung, Glauben, Nichtglauben, Vertrauen etc so einen mächtigen Anteil am wirtschaftlichen Schicksal der Welt hat, so kommt wohl auch denen besondere Bedeutung zu, die als „Verstärker“ dieser Faktoren auftreten können und dies, bewusst oder unbewusst, zwangsläufig immer auch tun.

Gemeint sind die Medien, insbesondere die Massenmedien mit großer Reichweite. Im Zeitalter der Medien- und Informationsgesellschaften ist schließlich öffentliche Meinung auch immer Veröffentlichte Meinung mit großem gegenseitigem Einfluss in beiden Richtungen.

Nicht erst jetzt und im Fall der allgemein angekündigten wirtschaftlichen Zeitenwende, hier und jetzt aber ganz besonders, frage ich mich, ob sich die Macher von Fernsehen, Funk und der auflagenstarken Presseorgane eigentlich ihrer Macht und damit auch ihrer Verantwortung bewusst sind.

Und es steht schon lange die Frage unbeantwortet im Raum, warum in der journalistischen Welt der Hang zum Negativen so überwiegend weit verbreitet ist.

Nur als Beispiel: die Jahre 2006 und 2007 – so ist ja zur Zeit überall zu lesen – waren ausgesprochene Boomjahre. Der Eindruck mag subjektiv sein, aber medial haben sich diese Jahre nicht nach Boom angefühlt, oder? Von Enthusiasmus war wenig zu lesen, zu hören oder zu sehen in den Kommentaren und Berichten seinerzeit.
Gut in Erinnerung hingegen sind noch die fetten roten Schlagzeilen der Bildzeitung von 2003 und 2004, als fast monatlich die neuesten, schön schaurigen Horrormeldungen über die jeweils aktuellen Rekordmeldungen zur Arbeitslosigkeit auf der Titelseite prangten. Ich bin kein Bildzeitungsleser, aber ich glaube nicht, dass ich die entsprechenden Titelschlagzeilen übersehen haben könnte, die dann 2006 und 2007 in gleicher Größe, Fettheit und Röte, den atemberaubenden Rückgang der Arbeitslosigkeit herausposaunt hätten. Wo war es, das „YESSS!!! Deutschland auf dem Weg zur Vollbeschäftigung! Arbeitslosigkeit in nur zwei Jahren fast halbiert! WEITER SO ANGIE!!“?

Es gab diese Titelseite nicht. Richtig? Warum nicht?

An dieser Stelle sei angemerkt, dass dieser Beitrag nicht als allgemeine Medienschelte gedacht ist. Es geht um etwas Wichtigeres.

Darum verlassen wir auch den Boulevard: Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ versteht sich als grundsätzlich kritisch und rühmt sich seiner Tradition des investigativen Journalismus’. Ähnlich positionieren sich Publikationen wie „Focus“ oder Tageszeitungen wie „Die Süddeutsche“ oder die „FAZ“.

Nun, kritische Stimmen sind für das Funktionieren einer pluralistischen Gesellschaft und einer Demokratie natürlich wesentliche und wichtige Bestandteile. Entsprechend legen Medien wie die oben genannten zu Recht Wert darauf, immer ein wenig gegen den Strom zu schreiben. Trends zu hinterfragen und nicht jedem Hype auf den Leim zu gehen.

Die aktuelle Wirtschaftskrise ist ein Hype. Vielleicht der größte, den unsere Generation bis jetzt erlebt hat, auf jeden Fall einer, mit gravierenden und leider zumeist negativen Auswirkungen auf nahezu alle Teil der Gesellschaft. Und dies weltweit.

Merkwürdig jedoch. In diesem Fall von Kritik am Hype, von investigativem Hinterfragen keine Spur! Im Gegenteil, wie die Lemminge schließen sich nun auch die Redakteure, Autoren, Rechercheure und Verleger dem Marsch in die Krise an – und beschleunigen diese dadurch, wenn sie sie nicht überhaupt erst Realität werden lassen.

Wie gesagt, das Thema soll nicht Medienkritik an sich sein! Interessant wäre jedoch die Frage nach dem „warum?“.

Ein relativ aktuelles Beispiel:

Grafik Spiegel 01/09

Grafik Spiegel 01/09

In seiner Jahreswechselausgabe – Nr.1 vom 29.12.08 – lautet die Titelstory „Jahr der Bewährung“. In diesem Artikel werden wie üblich Umfragen grafisch eingeblendet und zitiert, oder besser, interpretiert. Auf die Frage „haben sie Angst, im Jahr 2009 Ihren Arbeitsplatz zu verlieren“, hätten zum Beispiel 18% der Befragten mit „Ja“ geantwortet. So soll die große Verunsicherung in der Bevölkerung belegt und begründet werden.

Wäre es falsch oder ehrenrührig gewesen, genau dieselbe Umfrage wie folgt auszulegen? „Knapp Dreiviertel der Arbeitnehmer in Deutschland glauben nicht, dass ihr Arbeitsplatz in Gefahr sei, trotz der beunruhigenden Meldungen aus der Finanzwelt.“

Eine zweite Umfrage im selben Beitrag lautete „Wird sich Ihre persönliche Situation im Jahr 2009 verbessern, verschlechtern, oder wird sie gleich bleiben?“ Den 11% die an eine Verbesserung glauben, stände, so der Spiegel, mit 18% eine schwerwiegende Mehrheit gegenüber, die eine Verschlechterung befürchten.

Hätte es journalistischem Ethos widersprochen, zu schreiben, dass eine überwältigende Mehrheit von insgesamt 81%, oder vier Fünftel der Befragten, keine negativen Auswirkungen erwartet, da nämlich 70% davon ausgehen, dass ihre wirtschaftliche Situation unverändert bleibt. Wäre es nicht eigentlich „krisen-hype-kritisch“ gewesen, zu konstatieren, dass die Bevölkerung – trotz der sich täglich überbietenden Katastrophenmeldungen aus Finanz- und Wirtschaftskreisen – in ihrer großen Mehrheit zuversichtlich in die Zukunft blickt?

Wäre eine solche Meldung – entsprechend aufgemacht – nicht sogar eventuell dazu angetan, verzagten Unternehmen wieder Mut zu geben, ihnen Argumente zu liefern, um benötigte und zur Zeit zäh fließende Kreditrahmen für Wachstumsfördernde Investitionen zu geben?

Ein anderes Beispiel, auch dieses aus dem bereits zitierten Artikel des Neujahrs-Spiegels, zeigt noch nachhaltiger, wie – bewusst oder unbewusst – im Sinne des Krisen-Hypes manipuliert wird. Natürlich durch Auswahl und Selektion. Wobei das im folgenden Beschriebene weniger eine „Erfindung“ der Medien ist, als vielmehr schon eine Gewohnheit, die nur eben bislang noch niemand medial wirksam hinterfragt hat.

Es geht um die Zahlen und Kurven, die – in früheren Zeiten – so wunderbar kraftstrotzend nach oben ragen konnten und die nun – mit derselben Überzeugungskraft – den Schauer vor dem Abgrund zelebrieren.

Grafik aus Spiegel 01/09

Grafik aus Spiegel 01/09

In besagtem Spiegelartikel erledigt dies, unter der Überschrift „Schwere Bürde für 2009“ beispielsweise eine Grafik zur „Industrieproduktion“. Eine bösartig zackige Kurve zeigt schnurstracks tief nach unten und wird durch ein leuchtendes Signalrot an ihrem unteren, vorgeblich tief im Negativbereich steckenden Ende in ihrer Panikerregenden Wirkung noch gekonnt verstärkt. Die Kurve gib, wie meist üblich, die „Veränderungen gegenüber dem Vorjahr, im Prozent“ an.

Nur, warum eigentlich? Warum eigentlich die Veränderung zum Vorjahr? Ist der Vergleich mit so einem einzelnen, dünnen Wert, wie der Zahl aus nur dem Jahr davor, nicht sehr wenig, um daraus fundierte Schlüsse zu ziehen. Wissen wir noch, ob es nicht vielleicht gerade in dem Vergleichsmonat im Vorjahr irgendeinen Sondereffekt gab? Besonders warmes Wetter vielleicht, was die Nachfrage nach Kühlschränken und Klimaanlagen kurzeitig außergewöhnlich hat ansteigen lassen. Dann müsste im Vergleich dazu ein eigentlich sehr ordentliches Ergebnis, aber ohne Sondereffekt in diesem Jahr zwangsläufig wie ein dramatischer Einbruch aussehen.

Diese Vergleiche mit dem jeweiligen Vorjahreszeitraum sind natürlich eine klassische Erfindung des neoliberalen, turbokapitalistischen Geistes. Nur so lassen sich möglichst steile Kurven erzeugen, die möglichst große Gewinne ermöglichen oder darstellen. Alle Relativierungen auf einer breiteren Basis, zum Beispiel einem Mehrjahresvergleich, bremsen da nur.

Natürlich, solche Zahlen und Kurven gibt es auch. Bei den Analysten, in den Bilanzen, bei den entsprechenden Ämtern und wissenschaftlichen Instituten. Aber wir sprechen hier von Massenpsychologie. Von öffentlicher und veröffentlichter Meinung. Und in dieser werden nach wie vor, die Parameter benutzt, die genau jene Epoche erfunden hat, die doch angeblich gerade untergegangen ist und der wir – unter Meinungsführung der großen Presseorgane – doch jetzt so kritisch, weil ernüchtert, gegenüberstehen. Eigenartig doch, dass wir trotzdem noch immer mit deren Instrumentarium arbeiten.

Um dies an dem genannten Beispiel zu veranschaulichen:

Laut Spiegel brach die „Industrieproduktion“ im Oktober 2008 um rund 4% im Vergleich zum Oktober 2007 ein. Laut Statistischem Bundesamt war es exakt ein Minus von 3,85%. (Quelle: Statistisches Bundesamt Deutschland, www.destatis.de)
Im Vergleich zum Oktober 2006 jedoch – und dies zeigt die Spiegel Grafik natürlich nicht – lag die Industrieproduktion in Deutschland bei einem Plus von 5,52%! Das sollte doch überraschen, wenn man bedenkt, dass 2006 allgemein als Boomjahr gilt, während wir glauben, im Oktober 2008 den schlimmsten Einbruch seit Kriegsende miterlebt zu haben.

Wie zufällig diese Ein-Jahr-zurück Vergleiche in Wahrheit sind, zeigt schon das Beispiel September.

Laut Statistischem Bundesamt ergab sich hier nämlich von 2007 auf 2008 noch ein Plus von 4,79%. Übrigens im Widerspruch zu der vom Spiegel publizierten Kurve, die jedoch auch eine andere Quelle nennt. Von 2006 auf 2008 errechnet sich aus den Zahlen des Bundesamtes gar eine Steigerung der Industrieproduktion von 7,69%. Demnach befanden wir uns im September – dem Monat der Lehman-Pleite – in einem Megaboom. Wunderbare Welt der Zahlen, atemberaubende Sprünge.

Weitaus solider wird das Ganze, wenn man als Vergleichswerte zum Beispiel den Durchschnittswert, sagen wir der entsprechenden Monate der vergangenen fünf Jahre nimmt. So würden zum Beispiel extreme Schwankungen, wie beschrieben evtl durch Sonderereignisse hervorgerufen, weniger dramatisch ausfallen und so weniger falsche Schlüsse ziehen lassen. Eine Methode, die ja in vielen alltäglichen Wirtschaftsbereichen allgemein üblich ist. Sogar die berühmten Maastrichtkriterien wurden dereinst so eruiert.

Wenn wir als erneut auf die Industrieproduktion in Deutschland im „Krisenmonat“ Oktober 2008 blicken und diesen zu dem Mittel der Oktoberwerte von 2003 bis 2007 in Relation setzen, so ergibt sich ein Plus von 11,96%. Tun wir das gleiche für den September so ergibt sich eine Steigerung von 12,96%, für den August 10,89%, weitaus gleichmäßigere Werte also, die zudem alle besagen, dass wir heute deutlich – nämlich zweistellig – produktiver sind, als im Durchschnitt der vergangen fünf Jahre, die ja keine schlechten waren.

Keine Krise also? Oder alles Schönrederei?

Durchaus nicht. Denn wir wollen die zweite Grafik mit der der Spiegel aufwartete nicht unterschlagen. Hier wurden die Auftragseingänge bei der Industrie – als die Arbeitslage von morgen – dargestellt. Und auch sie zeigt – natürlich – steil und in dramatischem Rot nach unten.

Und auch hier gibt das Statistische Bundesamt Auskunft und Bestätigung. Jawohl, im Oktober 2008 ist der Auftragseingang aus dem Inland zum Beispiel im verarbeitenden Gewerbe um signifikante 11,19% zurückgegangen. Im Vergleich zum Oktober 2007. Und auch im Vergleich zum Oktober 2006 hat sich die Auftragslage verschlechtert, nämlich um 3,28%. Deutlich weniger als im Vergleich zum Oktober vergangenen Jahres – welcher ein ausgesprochen guter Monat war – aber trotzdem, hier ist ein spürbarer Rückgang ersichtlich.
Und was sagt der Langzeitvergleich. Nun, im Verhältnis zum Durchschnittswert der Auftragseingänge im Oktober von 2003 bis 2007 ergibt sich ein Plus von 4,5%. Allerdings, beim Septembervergleich waren es noch plus 7,84% und im August sogar noch 9,24%. Also auch hier ein Rückgang. Ein Rückgang der Zuwächse jedoch.

Niemand verlangt Schönfärberei. Aber es macht doch einen Unterschied, ob im Raum steht, dass die Auftragslage im Oktober um über 11% im Vergleich zum Vorjahresmonat eingebrochen ist, oder ob wir „nur noch“ rund viereinhalb Prozent mehr Aufträge haben als durchschnittlich in den vergangenen fünf Jahren.
Zum Beispiel, wenn es um Arbeitsplätze geht. Mit einem Minusknüppel von über elf Prozent lässt sich fast jeder Personalabbau durchsetzen. Wenn wir in Wahrheit immer noch mehr Arbeit haben, als im Schnitt in den letzten fünf Jahren, in denen die Arbeitslosigkeit ja gesunken ist und ergo Leute eingestellt wurden. Da wird die Argumentation – zumal in der Öffentlichkeit – doch schon schwieriger, wenn man nicht sagen will, dass es eigentlich gar nicht um die Menge der anfallenden Arbeit sondern in erster Linie um die Rendite der Shareholder geht.

Womit wir wieder bei der Frage wären, wem es nützt, dass auch jetzt noch und auch von den angeblich so kritischen Medien, das gleiche Zahlen- und Rasterwerk verwendet wird, mit dem sich die gescheiterten Akteure der Finanzscheinwelt ihre Luftschlösser herbeigezaubert haben.

Gerade da die aktuelle Krise so sehr eine psychologische Krise ist, wäre jetzt eine kritische, gegen den Abwärtsstrom schwimmende, ergo eine gemäßigte und tendenziell positive Berichterstattung gefragt, die nicht nur im Rückblick all die Schneebälle und abenteuerlichen Finanzakrobatiken bloßstellt, sondern die auch die aktuellen Horrorszenarien genauso deutlich hinterfragt. Vielleicht könnte der Abschwung so zumindest gebremst, wenn nicht vielleicht sogar verhindert werden.

Zu Recht werden unsere Medien nicht müde, die Pressefreiheit als eines der wichtigsten Güter unserer Gesellschaft hoch zu halten, sich auf sie zu berufen und sie zu verteidigen. Doch Freiheit ist auch immer mit Verantwortung verknüpft. Die aktuellen Umstände wären ein Fall, in dem die Presse dieser Verantwortung gerecht werden sollte, in dem sie die Wirkungen und die Auswirkungen ihrer Meinungsprägenden Aktivitäten nachhaltig hinterfragt und ihre Möglichkeiten bewusst zum Wohl der Gesellschaft einsetzt, von der sie letztlich ja auch lebt.
So wird vielleicht das Jahr 2009 auch für die freien Medien ein „Jahr der Bewährung“.

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Von Schiffen und A****löchern ODER die Welt ist ein Pendel

Geschrieben von hantigkohneo - 4. Januar 2009

Die Welt ist ein Pendel. Oder eine Waage. Jedenfalls ein System, das nie still stehen, das niemals ganz austariert sein wird. Diejenigen, die perfekte Systeme versprechen und propagieren sind Träumer, Blender oder totalitäre Diktatoren. Denn obwohl der Wunsch nach einem vollkommenen und gerecht ausbalancierten System in allen Gesellschaften groß ist, wird ein solches nie erreicht werden. Und das liegt nicht an den Systemen und auch nicht an höherer Gewalt.

Es liegt an den A****löchern. An den großen A****löchern, genauer gesagt. Kleine A****löcher gibt es viele, in Wahrheit sind wir alle welche. Das Problem sind die großen. Und die hat es immer gegeben und wird es immer geben.

Zum aktuellen Thema: Die Finanz- und die aus ihr folgende Wirtschaftskrise beschreibt den Wendepunkt einer dieser Pendelbewegung. Nach Jahren, Jahrzehnten der Deregulierung, weg vom Protektionismus, hin zur immer freieren Marktwirtschaft, ist die Waagschale nun schließlich gekippt und es folgt die Gegenbewegung. Das war vorhersehbar und ist an sich kein Mirakel. Was folgen wird, ist eine Phase der zunehmenden Regulierung. Zunächst werden jetzt die fälligen Vorschriften für die aus dem Ruder gelaufenen Finanzjongleure aufgestellt, für die Börsen- und Bankengepflogenheiten, aber bei denen wird es nicht bleiben. Kann es nicht bleiben. Zu groß sind die Ungerechtigkeiten schon in die Gesellschaften eingedrungen. Zu mächtig und durchaus berechtigt ist die neue Sehnsucht nach Sicherheit und Berechenbarkeit.

Welches aber sind die Lehren, die man ziehen sollte, wenn man die historische Chance hat, solch einen Wendepunkt des Weltenpendels live und in Echtzeit mitzuerleben? Lernen wir, dass die Deregulierung falsch war? Dass sich alle, über mehrere Dekaden, geirrt haben, wie der ehemalige US Notenbankchef jetzt plötzlich erkannt haben will?

Eine völlig falsche Einsicht wäre das! Die Abschaffung von Handelhemmnissen, Zöllen und das Zurücknehmen des Staates aus der Wirtschaft waren richtig! Zu ihrer Zeit! Die Strategie der Liberalisierung hat großen Wohlstand gebracht, zuletzt sogar denen, von denen man es kaum noch erwartet hätte, in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern, im ehemaligen Ostblock.

Das liberale System ist und war nicht das Problem! So wenig, wie der Kommunismus oder der Sozialismus für sich genommen falsch oder ein Problem waren. Das Problem sind immer die großen A****löcher!

Das sind diejenigen, die es verstehen, die Schwächen und Lücken, die jedes System nun mal aufweist, zu ihren Gunsten auszunutzen und sich auf Kosten der Mehrheit zu bereichern, oder sich ein Übermaß an Macht zu sichern. Kommunismus und Sozialismus sind oder waren daher in sofern „schlechte“ Systeme, da sie es offensichtlich den großen A****löchern zu leicht machten. Daher sind in diesen Systemen die Waagschalen schneller gekippt und die Pendel schneller und heftiger wieder in die Gegenrichtung geflogen.

Bei der freien, oder der sozialen Marktwirtschaft gar, hat dies nun etwas länger gedauert. Letztlich haben es jetzt aber auch hier die großen A****löcher geschafft, sich mit solcher Macht und solchem Gewicht ganz außen an die Weltschaukel zu hängen, dass diese kippen musste.

„Weg mit den A****löchern“ heißt also die Heilbringende Lehre? Nein. Es geht nicht. Die französischen Revolutionäre haben es versucht, die Bolschewisten auch. Es funktioniert nicht. Und das liegt daran, dass die Menschheit an sich fast nur aus A****löchern besteht. Kleinen zumeist. Aber, sind wir doch ehrlich, jeder von uns ist ein wenig eines.
„Dem Fiskus muss man ja nichts schenken!“ Füllen wir nicht alle mit diesem Gedanken unsere Steuererklärungen so zu unseren Gunsten aus? So als wäre „der Fiskus“ ein feindlicher Alien und nicht unsere Gemeinschaftskasse, aus der wir doch andererseits Strassen gebaut und Schulen betreut haben wollen? Versuchen wir nicht „vom Staat“ den letzten Groschen Bauförderung für unser Häusle herauszupressen und schimpfen gleichzeitig über jeden Cent Sozialabgaben? Voll Arschloch, eigentlich? Aber harmlos! Alles nur kleine A****löcher.
Das Gefährliche ist, dass jedes System, das sich die Menschen für ihr Zusammenleben ausdenken, Möglichkeiten bietet, die genau den speziellen Talenten einiger kleiner A****löcher entsprechen und sie so zu großen A****löchern werden lässt.

Zurück zum Tagesgeschäft: nun wird also reguliert, geordnet, für wieder etwas mehr Gerechtigkeit gesorgt. Zunächst wird dabei den bisherigen großen A****löchern auf die Finger geklopft. Das ist gut so und es wird für eine Zeit wieder positive Resultate bringen, wenn nun alle quasi von der einen Reling des Weltenschiffs, die gerade dabei was unter Wasser zu tauchen, auf die andere Seite des Schiffes rennen. Das Schiff wird sich so wieder aufrichten, es wird wieder an Fahrt gewinnen.

Aber es liegt in der Natur der großen A****löcher, dass sie leider längere Beine haben. Und so werden sie die andere Seite des Schiffes schneller erreichen und werden dort wieder mehr an Gewicht gewinnen und da ihnen das von ihrem Wesen her nie genug ist, werden sie sich auch auf dieser anderen Seite des Schiffs wieder in die Trapeze werfen, um noch schärfer am Wind segeln zu können. Und die kleinen A****löcher werden ihnen folgen. Zunächst geordnet, vorsichtig und nur, weil sie immer bestimmten Beispielen und Vorbildern folgen, dann aber immer schneller und bald purzelnd, weil das Schiff dann schon wieder Schlagseite bekommt und sie auf den rutschigen Planken den großen A****löchern entgegen taumeln.

Das wird dann der Fall sein, wenn die damals – also heute – vernünftigen Regeln wieder ad Absudrum geführt wurden. Wenn sie umgedeutet worden sind, um erneut nicht der Menge, sondern einigen Wenigen zu nutzen. Wenn windige Findige im allgemein ausgebrochenen Regelwahn Vorschriften erdenken, die genau für sie passen, oder nur, um sich vor anderen zu schützen. Dann, und es wird zweifellos im größeren oder kleineren Ausmaß so kommen, dann wenn das Schiff wieder fast kentert, wird sich das Pendel erneut wenden und ein neuer Durchgang kann beginnen.

Dass dies keine kassandrinische Vision ist, können wir in einem anderen Bereich zeitgleich beobachten. Die „Nackt-Scanner“ auf unseren Flughäfen dürften – hoffentlich – ein Symptom sein, dass kurz vor dem Umkippen der Waagschalen steht, im Austarieren zwischen persönlicher Freiheit und Angst vor einem unsichtbaren Feind.

Was also ist dann die Lehre aus diesen bewegten Zeiten? Müssen wir resignieren und uns dem ewigen Regime der großen A****löcher beugen, da per se nichts gegen sie zu tun ist?

Keineswegs. Behalten wir sie nur gut im Auge. Eine Zeit lang ist ihr Treiben ja immer durchaus recht nützlich für alle. Wir – und das meint alle mündigen Bürger vulgo kleinen A****löcher – sollten nur versuchen, noch wachsamer zu sein und den Moment noch früher zu erkennen, an dem das Schiff umschlägt. Und dann, rechtzeitig und vernehmbar, „halt“ rufen. In der Finanzkrise haben wir diesen Punkt wohl verpasst und müssen darum mit ziemlich rauer See fertig werden.

Das kann besser werden. Wir müssen trainieren. Wir werden das Pendel nicht zur Ruhe bringen, aber wir können die Ausschläge weniger hart und das Tempo weniger rasant werden lassen. Ergo: kleine A****löcher aller Länder vereinigt Euch: beobachtet die großen!

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