Eine pre-historische Fiktion
Die folgenden, frei erdachten historischen Begebenheiten möchte der Autor als Anregungen zu einer Diskussion auf mehreren Ebenen gelesen wissen. Zum einen über die potentielle Machbarkeit und die Erfolgsaussichten des Beschriebenen, zum anderen aber vor allem über die moralischen und ethischen Fragen und Konsequenzen, die sich aus dem – noch nicht – Geschehenen ergäben.
Es sollte bis Mitte der 60er Jahre des 21. Jahrhunderts dauern, ehe aus den vielen Gerüchten und Legenden, die seit Jahrzehnten kursierten und in regelmäßigen Wellen wieder vermehrt an die öffentliche Oberfläche gespült wurden, eine Rekonstruktion der Ereignisse gelang, die allgemein als der Wahrheit sehr nahe kommend anerkannt wurde.
Dem „ Online-Reflektor“, jenem kleinen aber sehr renommierten Nachfolger des 2018 in Konkurs gegangenen deutschen Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, gelang es als erstem Medium, ausreichend Aussagen von Zeitzeugen, geheime Unterlagen und zum Teil private Aufzeichnungen zusammen zu tragen, um der Welt einen neuen Blick auf sich selbst zu ermöglichen, den die meisten als unmöglich betrachtet hätten.
Für große Teile der Bevölkerung war die Titelstory, die am 9. Oktober 2069, also auf den Tag genau 60 Jahre nach dem fortan legendären „BlackBerry Day“ erschien, ein Schock. Ausgerechnet die Gewissheit dessen, was bislang nur geahnt wurde, bedeutete für viele Menschen geradezu einen Realitätsverlust, dessen Folgen bis heute kaum abzusehen sind. Denn die Geschichtsschreibung und –forschung musste für große Teile des 21. Jahrhunderts nach neuen Quellen suchen.
Kapitel 1 „BlackBerry“
Es war jener 9. Oktober des Jahres 2009, an dem sich der damals wohl bekannteste BlackBerry-Besitzer der Welt mit ebendiesem Gerät an einen stillen, wie auch abhörsicheren Ort begab.
Lange wurde gerätselt, wie es Barack Obama gelungen war, alle Sicherheitsvorkehrungen zu unterlaufen und zu verhindern, dass Aufzeichnungen der von ihm geführten Gespräche gemacht wurden, ja, dass diese Anrufe überhaupt unbemerkt bleiben konnten. Malia Obama, die älteste Tochter des noch immer von weiten Teilen der Bevölkerung hoch verehrten Präsidenten, lüftete dieses Geheimnis bei einem vertraulichen Gespräch mit „Reflektor“ Redakteurin Jakoba Weisberg-Sintao im Sommer 2069 in Shanghai, am Rande eines UN Umweltgipfels. Die Antwort auf diesen Teil des Rätsels war beinahe enttäuschend banal.
Eine Freundin hatte der damals 12 jährigen Malia ein BlackBerry der Rihanna-Sonderedition geschenkt und diese Präsent hatte offenbar niemand im Weißen Haus zur Kenntnis genommen. Bis auf ihren Vater. Und Barack Obama hütete dieses Geheimnis. Wie sich herausstellte, als seine höchstpersönliche, elektronische Geheimtür, heraus aus dem Zentrum der Macht, in die Welt.
Diejenigen, die den Präsidenten persönlich gekannt hatten, sind fast durchwegs davon überzeugt, dass es weder jugendlicher Übermut, noch präsidiale Hybris waren, die den ersten schwarzen Chef im Weißen Haus dazu veranlasst hatten, an diesem 9. Oktober mit ein paar Dutzend Telefonaten nicht nur die „Hausordnung“ der Villa an der Pennsylvania Avenue zu unterlaufen, sondern gleich eine ganze Reihe geschriebener und ungeschriebener Grundlagen, sowohl der amerikanischen Gesellschaft als auch großer Teile der so genannten freien Welt.
Es war wohl auch nicht Sorge um die eigenen Umfragewerte, die ihn antrieb. Diese waren trotz anhaltender und sich weiter verschärfender Wirtschaftskrise immer noch ausgezeichnet. Die Menschen hatten den Glauben an ihn noch nicht verloren, aber Obama wusste, dass dies über kurz oder lang geschehen würde, und dass er handeln musste, solange er sich des Rückhaltes in der Bevölkerung noch weitgehend sicher sein konnte.
Die milliardenschweren Rettungs- und Hilfspakete hatten bislang kaum Wirkung gezeigt, der Staat war am Rande seiner Handlungsfähigkeit angelangt und die Abwärtsspirale aus pessimistischen Erwartungen, fallenden Börsenkursen, Massenentlassungen und immer weiteren Umsatzeinbrüchen, drehte sich mit schier unaufhaltsamer Eigendynamik immer weiter und tiefer nach unten.
Dem Präsidenten war klar, dass sich sein Zeitfenster für eine Wende der Dinge mit jedem Tag weiter verkleinerte.
Es ist nicht überliefert, wie sich der mächtigste Mann des Planeten dabei gefühlt hatte, während er die, größtenteils privaten Telefonnummern, die er nun eine nach der anderen wählte, über mehrere Wochen hinweg heimlich eruiert und gesammelt hatte. Genauestens darauf achtend, dass niemand, nicht einmal seine Frau oder seine engsten Mitarbeiter, etwas davon merken würden. Vielleicht musste er sogar insgeheim ein wenig lächeln. Ein US Präsident als einsamer Privatdetektiv.
Bei den Gesprächen mit den Personen auf seiner top-secret Liste dürfte er eher nicht gelächelt haben. Zu wichtig waren diese Unterredungen und viel zu weit reichend die Folgen, wenn auch nur einer der Angewählten weitererzählt hätte, was ihnen Barack Obama jeweils eröffnete, oder gar gleich an die Öffentlichkeit damit gegangen wäre.
Eine von Obamas schlagkräftigsten Waffen war von jeher seine entwaffnende Offenheit im persönlichen Gespräch. Und es dürfte genau diese Offenheit gewesen sein, die ein solches Worst-Case-Szenario verhindert hatte. Seine Gesprächspartner waren denn auch durchwegs überwältigt von dem Vertrauensvorschuss, den ihnen der Präsident entgegenbrachte, indem er jeden vom ihnen theoretisch in die Lage versetzte, nicht nur seinen Plan zu durchkreuzen, sondern in letzter Konsequenz auch seine Präsidentschaft jäh zu beenden und ihn, den Hoffnungsträger der Nation, eventuell sogar direkt vom Oval Office in eine Zelle einer staatlichen Verwahrungsanstalt zu befördern.
Natürlich hatte Obama in Gedanken mehrere Exitstrategien durchgespielt. Vom klassischen, totalen Dementi über einen Test der Vertrauenswürdigkeit einiger der wichtigsten Institutionen des Landes bis hin zu einem verspäteten Aprilscherz, der ihm, im Angesicht der großen Belastungen, ein wenig überzogen geraten wäre.
Er war zu dem Schluss gekommen, dass keiner dieser Notfallpläne plausibel und realistisch war und dass vor allem keiner davon seinen Ansprüchen sich selbst gegenüber genügt hätte. Im Falle X, so war sein Entschluss, müsste er sich den Dingen, die dann auf ihn zu kämen, so stellen, wie es die Situation verlangen würde. Es sollte nicht dazu kommen.
Obamas unfreiwillige Konspirationspartner waren bei weitem nicht alle sofort Feuer und Flamme. So manches dieser Telefonate an diesem Tag zog sich über mehr als eine Stunde. Es waren zum Teil heftige und intensive Diskussionen, war doch jeder der Angesprochenen gezwungen, einen tief greifenden Diskurs mit sich und seinem Gewissen auszufechten. Fast alle baten sich Bedenkzeit aus.
Es müssen lange und quälende Stunden gewesen sein, für den in dieser Zeit wahrscheinlich einsamsten Präsidenten, den die Vereinigten Staaten je hatten.
Es ist bis heute nicht zur Gänze geklärt, wer alles zu dieser Runde der präsidialen Verschwörer gehörte. Von einigen ist es mittlerweile bekannt und gesicherte Erkenntnis. Bei einigen Personen liegt die Vermutung nahe, ob dessen, was in der Folge von den ihnen jeweils unterstellten Institutionen publiziert wurde. Eine immer wieder schwankende Anzahl will dabei gewesen sein, kann dies aber nicht restlos überzeugend glaubhaft machen, so dass in diesen Fällen wohl meist von persönlicher Mythenbildung auszugehen ist.
Kapitel 2 „Die Legende der Holzfäller“
Es begann mit einer eher unscheinbaren Meldung der obersten US Arbeitsmarktbehörde am 20. Oktober 2009. Im dritten Quartal des Jahres, so die unprätentiöse Verlautbarung, sei die Arbeitslosigkeit erstmals seit fast zwei Jahren nicht weiter angestiegen. Mann wolle keine Illusionen aufkommen lassen, aber die Möglichkeit sei nicht auszuschließen, dass die Talsohle auf dem Arbeitsmarkt eventuell erreicht sein könnte. Im holzverarbeitenden Gewerbe in den nördlichen Bundesstaaten sei sogar eine spürbare Nachfrage nach neuen Fachkräften verzeichnet worden.
Es schien, als hielte das ganze Land den Atem an.
In die fast gespenstische Stille auf den Fluren der Wirtschaftsredaktionen, der Ratingagenturen und in den Spielhallen an der Wall-Street hinein, entsandte fünf Tage später das Statistikamt eine Nachricht. Landesweit seien im vorangegangenen Monat die Zwangsversteigerungen überschuldeter Immobilien im Durchschnitt um fast 15 % zurückgegangen. Der Maklerverband in Arkansas ließ in einer Aussendung verlautbaren, seine Mitglieder hätten eine Belebung der Nachfrage festgestellt. Was bedeutete, dass es zum ersten Mal seit 30 Monaten überhaupt eine Nachfrage nach Immobilien gegeben hätte.
Sensible Gemüter glaubten ein angespanntes Zittern im Land zu vernehmen, als Benjamin D. Stroke, der erst kurz zuvor neu bestellte Konkursverwalter von General Motors, mittlerweile bereits der dritte in dieser Funktion, zu einer überraschend anberaumten Pressekonferenz lud.
Umfragen unter den 500 größten GM Händlern im Land hätten ihn veranlasst, die an sich bereits beschlossene Schließung des zweiten Hauptwerkes in Detroit zunächst um drei Monate zu verschieben. Nachdem der Öl- und Benzinpreis auf das niedrigste Niveau seit Begin des Jahrtausends gesunken sei, gäbe es Indizien, die auf eine vorsichtige Steigerung bei Neuwagenverkäufen hindeuten könnten.
„Vorsichtig“ war in den folgenden Tagen und Wochen eine der meist verwendeten Vokabeln. „Vorsichtig optimistisch“ waren Presseaussendungen, Zeitungskommentatoren und Veröffentlichungen von Meinungsforschungsinstituten und Thinktanks.
Welche und wie viele davon auf direkte Anregung des Präsidenten gefälscht und welche nur Mitläufer waren, um den Zug nicht zu verpassen, lässt sich aus heutiger Sicht nicht mehr eindeutig rekonstruieren. Es wird vermutet, dass zirka ab der vierten oder fünften Woche nach der „Legende der Holzfäller“, wie die erste Meldung der Arbeitsstatistiker bis heute genannt wird, bereits auch echte Meldungen positiven Inhalts dabei waren. Zum Teil Meldungen, die es auch zuvor schon gegeben hätte, die aber zurückgehalten wurden, sei es weil Jubel in der allgemeinen Depression als unschick galt, sei es, um nicht Chancen auf Staatshilfen zu vergeben, sei es um kein Frühstarter zu sein, dem dann, wenn die Rallye losginge, vorzeitig die Luft ausginge.
Obama hatte solch ein Unterdrücken von guten Nachrichten oft vermutet und sich besonders darüber geärgert. Es mag darin sogar die Keimzelle für seinen Plan gelegen haben.
Kapitel 3 „Xi Jinping“
Wie raffiniert, aber auch wie geradezu dreist und fast tollkühn der amerikanische Präsident seine Konspiranten ausgewählt und mit diesen die initiierenden Meldungen zur Trendwende erfunden hatte, zeigt sich bei genauerem Hinsehen.
Eine verarbeitende Holzindustrie hatte es zum Zeitpunkt jener ersten Nachricht in messbarem Umfang bereits nicht mehr gegeben. Der letzte entsprechende Unternehmensverband war ein halbes Jahr zuvor Mangels Mitgliedern aufgelöst worden. So gab es denn auch niemanden, der die Verlautbarung des Arbeitsamtes hätte überprüfen oder öffentlich anzweifeln können.
Als besonders gewagt gilt, dass Obama mit Benjamin D. Stroke einen als öffentlichen Masseverwalter bestellten Bundesrichter mit in sein neues „Change-Team“ aufgenommen hatte. Ein hohes Risiko. Aber er hatte die Wirkung, die dessen unerwartete Erklärung gehabt hatte richtig eingeschätzt.
Als die wirkliche Schlüsselfigur zum Gelingen des ganzen Vorhabens muss jedoch eine Person gesehen werden, die nicht einmal Amerikaner war, die man, eher im Gegenteil, nicht unbedingt zu den besten Freunde Amerikas gezählt hätte und von der bis heute unklar ist, wie es dem US Regierungschef gelingen konnte, sie mit ins Boot zu holen.
Die Liste der Legenden, die sich um die Beziehung zwischen Barack Obama und Xi Jinping ranken, ist allein schon zu lang, um sie hier auch nur aufzuzählen. Sicher ist nur, dass ohne den chinesischen Vizepräsident Xi der Erfolg des Unterfangens mehr als unsicher gewesen wäre. Zu vorsichtig, zu angstvoll, zu verunsichert waren noch immer die Investoren, die Banken, die Unternehmer und vor allem die Konsumenten, als dass sich die Abwärtsspirale hätte bereits durchbrechen und in einen Aufwärtstrend verwandeln lassen.
Am 10. Dezember titelte die New York Times: „9,8 % Wachstum in China erwartet!“ Und weiter hieß es: „Chinas Vizepräsident gibt Investitionen aus Indien und Mittlerem Osten bekannt. Bereits mehrere Millionen neue Jobs für Wanderarbeiter. Staatliches Förderprogramm für mehr Mobilität sorgt für Sturm auf Autohändler“
Vier Stunden vergingen, nachdem die ersten Zeitungsexemplare ausgeliefert waren. Vier Stunden, in denen die Welt auf ein Dementi aus Peking wartete. Es kam nicht. Dann öffnete die New Yorker Börse. Und explodierte.
Kapitel 4 „Geschichte“
Der Rest ist Geschichte. Am 4. November 2013 wurde Barack Obama mit der höchsten Zustimmung, mit der je ein US Präsident ein Wahl gewonnen hatte für seine zweite Amtszeit bestätigt. Obwohl, oder weil niemand wusste, was er mit dem BlackBerry seiner Tochter getan hatte.
Diese Frage – obwohl oder weil – ist sicher ausreichend, um es kluge Köpfe und Gemüter bis zum Ende des Jahrhunderts Obamas Wirtschaftswunder gleich tun zu lassen: auf Hochtouren bis zum Siedepunkt zu laufen.




