Papua-Neuguinea kennt neben dem „Kina“ als gesetzliches Zahlungsmittel auch das traditionelle Muschelgeld der einheimischen Bevölkerung. Dessen Gebrauch wird von einigen Provinzregierungen aktiv gefördert. Auch wenn es eher archaisch klingt, die grundsätzliche Idee dahinter könnte zu einem wirkungsvollen Instrument einer modernen Wirtschaftspolitik entwickelt werden.
Eine gute Gelegenheit Innovation in politisches Handeln einfließen zu lassen, böte die aktuelle Wirtschaftskrise und die damit einhergehende Frage nach staatlichen Rettungsmaßnahmen, wie unlängst im Fall Opel oder in Sachen Arcandor, Schäffler usw.
Die große Sorge z.B. bei der Opelproblematik war ja, dass Gelder, die der deutsche Staat zuschießt, vor allem in den leeren Kassen des US-amerikanischen Mutterkonzerns General Motors landen könnte. So wie in solchen Fällen grundsätzlich – und durchaus nicht zu unrecht – befürchtet wird, dass von der öffentlichen Hand gewährleistete Liquidität letztendlich in den Taschen von vermeintlichen Investoren und Rettern landet, die – eventuell nach einer gewissen Schamfrist – das jeweilige Unternehmen dann doch filetieren und Stückweise wieder veräußern, nachdem sie sich die Übernahmen mit Hilfe der Barbestände der Vereinnahmten refinanziert haben.
Als bislang einzige Antwort auf dieses Risiko für den Steuerzahler erklingt bislang stets – einem 150 Jahre alten Echo gleich – der Ruf nach Verstaatlichung der zu rettenden Betriebe oder Konzerne. Ein eigentlich schon überwunden geglaubter Klang, der jedoch eine erstaunliche Renaissance erlebt und der immer wieder die Augen der Mitglieder „linker“ Flügel aller Parteien sowie vieler Staatsdiener zum Leuchten bringen kann.
Unverständlicherweise: bedeutet Verstaatlichung doch nur, dass sich das Risiko in der Folge nicht nur auf einmal zugesagte Hilfsbeträge beschränkt, sondern dass die negativen Ergebnisse jener Firmen auf unabsehbare Zeit von der Allgemeinheit zu begleichen sein werden. Schnelle Sanierungserfolge sind ja nicht unbedingt kennzeichnend für öffentliche Eigentümer und das Hoffen auf ein Konjunkturwunder kann man wohl kaum ernsthaft als aktive, seriöse und kreative Politik bezeichnen.
Eine Idee, die sich ebendiese Attribute verdienen könnte, wäre eventuell das folgende Konzept, welches bislang eher mit Förderprogrammen zumeist ländlicher Regionen oder mit Entwicklungsinitiativen der Dritten Welt verbunden wird. Anwendungsgebiete, in denen der Gedanke bereits erfolgreich umgesetzt werden konnte.
Intelligent eingesetzt steckt aber mit Sicherheit noch weitaus größeres Potential darin. Die Rede ist von Komplementärwährungen.
Eine komplementäre Währung ist, vereinfacht gesagt, ein Zahlungsmittel, auf das sich eine Gemeinschaft – das kann ein Unternehmensverband ebenso sein, wie eine Ortsgemeinde oder die Mitglieder eines Vereins – verständigt, ohne dabei die eigentliche, offizielle Währung zu verdrängen. Ergänzend, komplementär eben.
Beispiele für komplementäre Währungen sind u.a. das Eingangs erwähnte Muschelgeld der Tolai, einer Bevölkerungsgruppe in Papua-Neuguinea, oder der Bethel-Euro, der den Einkauf in den von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel erlaubt. In den Regionen Chiemgau, Ainring, Pfaffenhofen, Göttingen, Witzenhausen, Gießen, Hagen, Schopfheim, Siegen, Berlin, Düsseldorf, Dresden, Kamenz, Zwönitz, Hitzacker, Neustadt (Dosse) und Schleswig-Holstein gibt es so genannte Gutscheinringe, denen sich alle Verbraucher und Gewerbetreibende anschließen können, mit dem Ziel die regionale Wirtschaft zu beleben. Und 1932/33 brachte die österreichische Stadt Wörgl eine eigene Komplementärwährung in Umlauf, ein Experiment das später als das „Wunder von Wörgl“ bekannt wurde.
Die Vorteile von Komplementärwährungen liegen – auch das mag wieder paradox klingen – genau in ihren Beschränkungen. Dadurch, dass sie keine allgemeine und uneingeschränkte Gültigkeit haben, kommen sie dem ursprünglichen Sinn eines Zahlungsmittels, nämlich den indirekten Tausch von Waren und Dienstleistungen zu ermöglichen, wieder weitaus näher, als die offiziellen Währungen, die im Rahmen des weltweiten Finanzwesens längst ein Eigenleben entwickelt haben, das sich, wie man unlängst erst beobachten und bestaunen konnte, von der „realen“ Wirtschaft zum großen Teil entkoppelt hat.
So besteht zum Beispiel kaum ein Anreiz komplementäre Geldscheine zu „sammeln“, also anzusparen, wenn sich mit diesen „nur“ landwirtschaftliche Produkte einer bestimmten Gegend in Bayern erwerben lassen. Es sei denn, man spekuliert darauf, dass die Menschen irgendwann süchtig werden, nach Eiern und Käse aus dem Allgäu, oder ähnlichem.
Dadurch bleibt das „Ergänzungsgeld“ aktiv und vergleichsweise zügig in Umlauf. Zudem lässt sich die Gruppe derer relativ genau definieren, die von dieser zusätzlichen Liquidität profitieren sollen, da sich diejenigen, die eine Komplementärwährung nutzen, dazu klar deklarieren müssen. Gleiches gilt für die Waren oder Dienstleistungen, die mit den parallelen Zahlungsmitteln zu bekommen sind und die sich entsprechend der Zielrichtung eines solchen Projektes eingrenzen lassen.
Oder anders gesagt, der Weg des Geldes kann in diesen Fällen sehr genau determiniert und beobachtet werden.
Wie sich dies wirtschaftspolitisch effektiv anwenden ließe, soll im Folgenden exemplarisch am Fall Opel kurz umrissen werden:
Die Republik druckt und besichert gemeinsam mit den durch Opelwerksstandorte betroffenen Bundesländern eine Milliarde „Opel-Euro“ und stellt diese der Adam Opel GmbH als Liquiditätsbrücke zur Verfügung.
Personen oder Unternehmen der folgenden Gruppen können den „Opel-Euro“ freiwillig als Zahlungsmittel anerkennen: Opelmitarbeiter und –zulieferer sowie wiederum deren Mitarbeiter, regionale Handels- und Dienstleistungsbetriebe, Mietgeber und z.B Energieversorger.
Auf diese Weise wird zum einen ausgeschlossen, dass die gewährten Hilfsgelder in die USA abfließen, denn dort ließe sich mit dieser Währung gar nichts anfangen, und andererseits wird dabei auch ein starker Impuls in die regionale Wirtschaft gegeben, verbunden mit großem öffentlichen Interesse und einem entsprechenden Imagegewinn, den eine solche Aktion für die teilnehmenden Betriebe bringt.
In einem weiteren Schritt lassen sich dann zusätzliche Hebel und Anreize schaffen. Z.B. in dem die Opelwährung mit einer gewissen Wertsteigerung versehen wird, wenn sie für bestimmte – beispielsweise ökologisch sinnvolle – Ausgaben genutzt wird.
Den entsprechenden Anbietern – sagen wir vielleicht Herstellern von Wärmepumpen für energiesparendes Heizen o.ä. – wird zu diesem Zweck ermöglicht, die „Opel-Euro“ bei ihrer Hausbank in reguläre Euro zu wechseln, wobei sie z.B. einen bestimmten Prozentsatz mehr ausbezahlt bekommen, als der Nennwert der eingetauschten „Opel-Euro“ beträgt. Vorausgesetzt, es wurde nachweislich die Hälfte dieses Bonusanteils dem jeweiligen Kunden als Nachlass gewährt. Auf diese Weise ergibt sich daraus ein Benefit für alle beteiligten. Dies nur als ein Beispiel, wie ergänzend Anreize geschaffen werden könnten.
Nun werden kritische Zeitgenossen zweifellos einwerfen, dass der zusätzliche Verwaltungsaufwand für ein solches Komplementärwährungsprojekt sehr groß wäre. Das ist sicherlich auch nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen, gilt allerdings mit einiger Wahrscheinlichkeit ebenso für ein „traditionelles“ Rettungsprogramm, wie jenes, das gerade tatsächlich für Opel auf den Weg gebracht wurde. Allein die Armada hochkarätiger Anwälte, die jetzt über den entsprechenden, internationalen Verträgen brütet, dürfte dem Bund ein ganz erklägliches Sümmchen in Rechnung stellen.
Zudem muss zusätzliche Arbeit, so sie denn sinnvoll ist – gerade in Zeiten, in denen ein signifikanter Anstieg der Arbeitslosigkeit zu befürchten ist – ja nicht per se negativ sein.
Ein weiteres „Aber…“ könnte mit Blick auf die Europäische Union eingebracht werden. Ob ein derartiges, groß angelegtes Konzept einer zielgerichteten Komplementärwährung mit allen Wettbewerbsregeln der Gemeinschaft konform geht, ist natürlich schwer abzuschätzen, es darf aber grundsätzlich bezweifelt werden.
Was jedoch nicht heißen darf, dass man aus diesem Grund solche Maßnahmen gleich in vorauseilendem Gehorsam gar nicht erst weiter denken soll. Ganz im Gegenteil! Viel zu oft dient der Verweis auf Brüssel als bequeme Ausrede, um ungewöhnliche, neue oder einfach nur relativ arbeitsaufwendige Unterfangen gleich schon im Keim zu ersticken. Das schadet dem Image der Union gewaltig und entspricht dabei in keiner Weise ihrer eigentlichen Idee, eben genau größere und vor allem innovative Projekte voranzubringen.
Und wenn bestimmte Regeln – die sicherlich aus Sinn machenden Gründen erstellt wurden – neuen, intelligenten Ideen entgegenstehen, dann muss darüber eben verhandelt werden. Schließlich sind die Marktregeln der EU keine göttlichen Gesetze, die in Stein gemeißelt wären. Die Europäische Union ist letztlich auch nur ein Verein. Und wenn sich die Mitglieder eines Vereins mehrheitlich einig sind (liebe Tschechen, liebe Iren, an dieser Stelle eine aus tiefstem Herzen kommende Fürbitte: Lissabon-Vertrag – jetzt! – bitte! Danke, thanks, tekujem!), dann steht konstruktiven Veränderungen nichts im Wege.
Der Fall Opel und die aktuelle Wirtschaftskrise sind natürlich nur ausgesuchte Exempel. Komplementärwährungen könnten in vielen Bereichen als treffsichere Maßnahme eingesetzt werden, sei es bei Städteentwicklungen, bei Themen der Energieeffizienz und der CO2-Reduktion, im Gesundheits- und im Bildungswesen oder in der Kulturpolitik. „You name it“, wie der Angelsachse zu sagen pflegt.
Und viele dieser Möglichkeiten müssten dabei nicht einmal unbedingt von Vater oder Mutter Staat gesetzt und initiiert werden. Die gern und häufig zitierte Zivilgesellschaft wäre in diesem Bereich ganz eigenständig zu vielem in der Lage.
Gäbe es eine Vielzahl von regionalen oder auf bestimmte Zielgruppen ausgelegte Komplementärwährungsprojekte so wäre ein willkommener „Nebeneffekt“, dass dadurch auch die Abhängigkeiten von den offiziellen Währungen und deren Unwägbarkeiten – siehe Finanzkrise – verringert und zugleich die Idee eines „Europas der Regionen“, evtl. sogar einer „Welt der Regionen“, spürbar vorangebracht würde.
Natürlich steckt wie so oft, der Teufel im Detail. Aber das war ja bekanntlich auch bei der Glühbirne schon so.
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