Die Welt ist ein Pendel. Oder eine Waage. Jedenfalls ein System, das nie still stehen, das niemals ganz austariert sein wird. Diejenigen, die perfekte Systeme versprechen und propagieren sind Träumer, Blender oder totalitäre Diktatoren. Denn obwohl der Wunsch nach einem vollkommenen und gerecht ausbalancierten System in allen Gesellschaften groß ist, wird ein solches nie erreicht werden. Und das liegt nicht an den Systemen und auch nicht an höherer Gewalt.
Es liegt an den A****löchern. An den großen A****löchern, genauer gesagt. Kleine A****löcher gibt es viele, in Wahrheit sind wir alle welche. Das Problem sind die großen. Und die hat es immer gegeben und wird es immer geben.
Zum aktuellen Thema: Die Finanz- und die aus ihr folgende Wirtschaftskrise beschreibt den Wendepunkt einer dieser Pendelbewegung. Nach Jahren, Jahrzehnten der Deregulierung, weg vom Protektionismus, hin zur immer freieren Marktwirtschaft, ist die Waagschale nun schließlich gekippt und es folgt die Gegenbewegung. Das war vorhersehbar und ist an sich kein Mirakel. Was folgen wird, ist eine Phase der zunehmenden Regulierung. Zunächst werden jetzt die fälligen Vorschriften für die aus dem Ruder gelaufenen Finanzjongleure aufgestellt, für die Börsen- und Bankengepflogenheiten, aber bei denen wird es nicht bleiben. Kann es nicht bleiben. Zu groß sind die Ungerechtigkeiten schon in die Gesellschaften eingedrungen. Zu mächtig und durchaus berechtigt ist die neue Sehnsucht nach Sicherheit und Berechenbarkeit.
Welches aber sind die Lehren, die man ziehen sollte, wenn man die historische Chance hat, solch einen Wendepunkt des Weltenpendels live und in Echtzeit mitzuerleben? Lernen wir, dass die Deregulierung falsch war? Dass sich alle, über mehrere Dekaden, geirrt haben, wie der ehemalige US Notenbankchef jetzt plötzlich erkannt haben will?
Eine völlig falsche Einsicht wäre das! Die Abschaffung von Handelhemmnissen, Zöllen und das Zurücknehmen des Staates aus der Wirtschaft waren richtig! Zu ihrer Zeit! Die Strategie der Liberalisierung hat großen Wohlstand gebracht, zuletzt sogar denen, von denen man es kaum noch erwartet hätte, in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern, im ehemaligen Ostblock.
Das liberale System ist und war nicht das Problem! So wenig, wie der Kommunismus oder der Sozialismus für sich genommen falsch oder ein Problem waren. Das Problem sind immer die großen A****löcher!
Das sind diejenigen, die es verstehen, die Schwächen und Lücken, die jedes System nun mal aufweist, zu ihren Gunsten auszunutzen und sich auf Kosten der Mehrheit zu bereichern, oder sich ein Übermaß an Macht zu sichern. Kommunismus und Sozialismus sind oder waren daher in sofern „schlechte“ Systeme, da sie es offensichtlich den großen A****löchern zu leicht machten. Daher sind in diesen Systemen die Waagschalen schneller gekippt und die Pendel schneller und heftiger wieder in die Gegenrichtung geflogen.
Bei der freien, oder der sozialen Marktwirtschaft gar, hat dies nun etwas länger gedauert. Letztlich haben es jetzt aber auch hier die großen A****löcher geschafft, sich mit solcher Macht und solchem Gewicht ganz außen an die Weltschaukel zu hängen, dass diese kippen musste.
„Weg mit den A****löchern“ heißt also die Heilbringende Lehre? Nein. Es geht nicht. Die französischen Revolutionäre haben es versucht, die Bolschewisten auch. Es funktioniert nicht. Und das liegt daran, dass die Menschheit an sich fast nur aus A****löchern besteht. Kleinen zumeist. Aber, sind wir doch ehrlich, jeder von uns ist ein wenig eines.
„Dem Fiskus muss man ja nichts schenken!“ Füllen wir nicht alle mit diesem Gedanken unsere Steuererklärungen so zu unseren Gunsten aus? So als wäre „der Fiskus“ ein feindlicher Alien und nicht unsere Gemeinschaftskasse, aus der wir doch andererseits Strassen gebaut und Schulen betreut haben wollen? Versuchen wir nicht „vom Staat“ den letzten Groschen Bauförderung für unser Häusle herauszupressen und schimpfen gleichzeitig über jeden Cent Sozialabgaben? Voll Arschloch, eigentlich? Aber harmlos! Alles nur kleine A****löcher.
Das Gefährliche ist, dass jedes System, das sich die Menschen für ihr Zusammenleben ausdenken, Möglichkeiten bietet, die genau den speziellen Talenten einiger kleiner A****löcher entsprechen und sie so zu großen A****löchern werden lässt.
Zurück zum Tagesgeschäft: nun wird also reguliert, geordnet, für wieder etwas mehr Gerechtigkeit gesorgt. Zunächst wird dabei den bisherigen großen A****löchern auf die Finger geklopft. Das ist gut so und es wird für eine Zeit wieder positive Resultate bringen, wenn nun alle quasi von der einen Reling des Weltenschiffs, die gerade dabei was unter Wasser zu tauchen, auf die andere Seite des Schiffes rennen. Das Schiff wird sich so wieder aufrichten, es wird wieder an Fahrt gewinnen.
Aber es liegt in der Natur der großen A****löcher, dass sie leider längere Beine haben. Und so werden sie die andere Seite des Schiffes schneller erreichen und werden dort wieder mehr an Gewicht gewinnen und da ihnen das von ihrem Wesen her nie genug ist, werden sie sich auch auf dieser anderen Seite des Schiffs wieder in die Trapeze werfen, um noch schärfer am Wind segeln zu können. Und die kleinen A****löcher werden ihnen folgen. Zunächst geordnet, vorsichtig und nur, weil sie immer bestimmten Beispielen und Vorbildern folgen, dann aber immer schneller und bald purzelnd, weil das Schiff dann schon wieder Schlagseite bekommt und sie auf den rutschigen Planken den großen A****löchern entgegen taumeln.
Das wird dann der Fall sein, wenn die damals – also heute – vernünftigen Regeln wieder ad Absudrum geführt wurden. Wenn sie umgedeutet worden sind, um erneut nicht der Menge, sondern einigen Wenigen zu nutzen. Wenn windige Findige im allgemein ausgebrochenen Regelwahn Vorschriften erdenken, die genau für sie passen, oder nur, um sich vor anderen zu schützen. Dann, und es wird zweifellos im größeren oder kleineren Ausmaß so kommen, dann wenn das Schiff wieder fast kentert, wird sich das Pendel erneut wenden und ein neuer Durchgang kann beginnen.
Dass dies keine kassandrinische Vision ist, können wir in einem anderen Bereich zeitgleich beobachten. Die „Nackt-Scanner“ auf unseren Flughäfen dürften – hoffentlich – ein Symptom sein, dass kurz vor dem Umkippen der Waagschalen steht, im Austarieren zwischen persönlicher Freiheit und Angst vor einem unsichtbaren Feind.
Was also ist dann die Lehre aus diesen bewegten Zeiten? Müssen wir resignieren und uns dem ewigen Regime der großen A****löcher beugen, da per se nichts gegen sie zu tun ist?
Keineswegs. Behalten wir sie nur gut im Auge. Eine Zeit lang ist ihr Treiben ja immer durchaus recht nützlich für alle. Wir – und das meint alle mündigen Bürger vulgo kleinen A****löcher – sollten nur versuchen, noch wachsamer zu sein und den Moment noch früher zu erkennen, an dem das Schiff umschlägt. Und dann, rechtzeitig und vernehmbar, „halt“ rufen. In der Finanzkrise haben wir diesen Punkt wohl verpasst und müssen darum mit ziemlich rauer See fertig werden.
Das kann besser werden. Wir müssen trainieren. Wir werden das Pendel nicht zur Ruhe bringen, aber wir können die Ausschläge weniger hart und das Tempo weniger rasant werden lassen. Ergo: kleine A****löcher aller Länder vereinigt Euch: beobachtet die großen!